Aus der Sicht eines Niederländers: Die 1. Cannabis-Bundeskonferenz

Aus der Sicht eines Niederländers

Adriaan Bronkhorst engagiert sich seit langem in Drogenfragen, ist Initiator des Drugs Peace Institute in Amsterdam, dessen Initiative “Drugs Amnesty” sich unter anderem für die Nominierung von Evo Morales Ayma aus Bolivien für den Friedensnobelpreis einsetzt. Das Drugs Peace Institute koordiniert gemeinsam mit dem Nederlandse Cannabis Consumenten Bond (NCCB) die Aktivitäten der Europäischen Cannabis ConsumentInnen Oganisation (ECCO!) und die Planung von Cannabis ´95 in Amsterdam. Bronkhorst nahm als niederländischer Beobachter an der Konferenz teil und seine Sichtweise vermittelt seine Eindrücke und beleuchtet gleichzeitig die Position unserer fortschrittlicheren Nachbarn.

Von Karlsruhe nach Recklinghausen…

In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) liegt, im Herzen des Ruhrgebietes, in der Stadt Recklinghausen ein verlorener Flecken Erde, eingeklemmt zwischen dem Rhein-Herne-Kanal, der A43 von Wuppertal nach Münster und der Bahnlinie von Essen nach Haltern. Während das Gesause und Gedonner des vorbeirasenden Verkehrs den neuen Besucher aufs ärgste erschreckt hat, kommt er am Ende der parallel zur Bahnlinie verlaufenden Zufahrt in die Reste eines idyllischen Parks, wo seit 20 Jahren in einer alten Backsteinvilla die örtliche Drogenberatung angesiedelt ist.

An diesem Wochenende vom 12. bis 14. August haben die meisten Junkies und “Substituierten”den Platz geräumt für eine bunte Verschiedenheit von deutschen Cannabisgebrauchern. Schriftsteller, Journalisten, Politiker, Studenten und Akademiker, Profis aus der Drogenhilfe und andere “Hanfaktivisten” von bis zu 50 Organisationen trafen sich hier zur ersten “Cannabis-Bundeskonferenz”, um zu einem gemeinsamen Standpunkt zur deutschen Cannabispolitik im Anschluß an Karlsruhe zu kommen, wo im April dieses Jahres das Bundesverfassungsgericht die holländische Drogenpolitik umarmt hat.

Franz Niewelt, Leiter des Zentrums: “Daß eine Beratungsstelle für Hartdrogenabhängige als Gastgeber für eine nationale Cannabiskonferenz auftritt, klingt für Holländer vielleicht fremd, liegt aber eigentlich auf der Hand. Denn durch die große Frage nach unseren Junkies ist Geld verfügbar, auch wegen ihres Aufenthalts in den Innenstädten, an sich wie bei uns, während für die Gebraucher weicher Drogen, die kein Gesundheitsproblem darstellen, bloß für Verfolgung und Verurteilung Geld ausgegeben wird. Zugleich wird uns aber deutlich, daß durch das Fehlen einer verständlichen Politik bei weichen Drogen nun auch keine solide Hartdrogenpolitik etwas werden kann. Aus Sicht der Prävention gesehen beginnt Hartdrogenpolitik mit einer realistischen Cannabispolitik.

Also haben wir hier in Recklinghausen vor einigen Jahren mit Beratung über Cannabisgebrauch begonnen, um Hartdrogengebrauch zuvorzukommen und aufzufangen.” Bodo, ein früherer Klient von Franz, der früher harte Sachen nahm und heute Nederwiet [niederländischen Rauchhanf, Anm. d. Übers.] konsumiert, schlägt Franz bei diesen Worten herzlich auf die Schulter, wie, um das zu unterstreichen: “Marihuana, die verbotene Medizin, hat uns eines seiner Geheimnisse preisgegeben”, fügt er hinzu. Daß auch andere dieses Privileg teilen, stellt sich am ersten Abend heraus, wo das “Smoking Team BRD” – so steht es auf ihren T-Shirts – zum Gegenangriff übergeht. Eben war noch klar, daß der Gebrauch des Produkts, um das sich die Konferenz dreht, hier selbst verboten sein soll, aber das ging den meisten zu weit. Der blonde Stefan Haag, Autor von “Hanf weltweit”, worin aus über hundert Ländern praktische, historische und anekdotische Information über die Cannabissituation verbreitet werden, führt die Opposition an. “Verrat! Wohl Drogen wie Tabak und Alkohol, aber kein Hanf? Verrat!” Und den besten Regeln der Demokratie folgend, wird daraufhin für die Konferenzräume eine weitgehende Abstinenz eingeführt. Die `Gemütlichkeit´ ist gerettet.

…über Nürnberg…

Nach Jörg Jenetzky, Organisator und Mitarbeiter des Instituts für Suchtforschung und Initiator von “Cannabis legal!”, ist es wichtig, zu Ergebnissen zu kommen. Und das ist nötig, denn um auf eine gemeinsame Plattform hin zu arbeiten, müssen erst in Arbeitsgruppen Grundfragen geklärt werden. Über die Zusammenarbeit, z.B. Welche föderale Struktur wollen wir, Wie können wir uns regional gruppieren, Was für ein Kommunikationssystem können wir aufbauen? Und über das Verhältnis zu Cannabis, z.B. Was sind unsere Beweggründe, Wer sind wir eigentlich, wir KifferInnen und Was ist die Bedeutung von Cannabis für unsere Welt?
Oberirdisch

Jenetzky: “Viele von uns treffen sich hier das erste Mal und weil wir miteinander etwas schaffen wollen, ist es gut, wenn jeder die Standpunkte des anderen kennt und respektiert.”
Die Situation von vor Karlsruhe, von dem “Man weiß nicht, ob die Fischlein sich küssen, denn unter Wasser sieht man nicht und über Wasser küssen sie nicht”, die Situation besteht nicht mehr. Die Cannabis-Gebraucher kommen nun an die Oberfläche und suchen Kontakt, um in Einheit und verstärkt weiter zu gehen. Am liebsten so schnell wie möglich. Die Arbeitsgruppe “Analyse von Karlsruhe” ist darin deutlich. Freilich spitzt sich die Diskussion schnell zu auf die “Schwächen von Karlsruhe” und sogar “Wie Karlsruhe angreifen?”

Cannabis raus aus dem BtMG

Aber man bleibt realistisch. Am Ende der Konferenz ist der erste Schluß: Da ist kein Geld für den Aufbau eines nationalen Büros, vorläufig bleiben wir bei unserer Arbeit auf lokalem Niveau, wobei vorläufig eine von den lokalen Gruppen die logistischen und organisatorischen Aufgaben wahrnimmt und die Vorbereitung der nächsten Cannabiskonferenz. […]
Vieles von den Forderungen, die in der Abschlußerklärung zu finden sind, sollte niederländischen Cannabiskonsumenten bekannt in den Ohren klingeln: Cannabis raus aus dem BtMG, vorurteilsfreie Aufklärung, Qualitätskontrolle und Verbraucherschutz, Zulassung von Anbau zum Eigengebrauch, keine Werbung und eine unmittelbare Amnestie für alle Cannabis-Täter und Niederschlagung aller Cannabis-Strafsachen.

Andere Forderungen scheinen weiter in einen Idealismus zu gehen, der in den Niederlanden gegenwärtig dünn gesät ist. So bei der Vorstellung des direkten Einkaufs von Cannabis bei den Produzenten, wenn möglich in der Dritten Welt, Ausschaltung des Zwischenhandels, Verkauf von Cannabis durch regionale Genossenschaften und Rückinvestition von Gewinnen in Cannabisprojekte (Forschung, Stützfonds, Rechtshilfe).

Eine für unser Cannabisland überraschende Empfehlung zum Schluß ist die resolute Zurückweisung des Marihuana-rettet-die-Welt-Modells: “Der Anbau THC-armer, genmanipulierter Sorten würde zu chemie-abhängigen Monokulturen führen und die erwartete Kürzung der EG-Zuschüsse für Faserpflanzen die Einkommen der Bauern nicht verbessern.”

Die weltweite Animosität zwischen den Hanffaserbauern und den Liebhabern der Soft-Droge, zwischen den Promotoren von THC-armem Hanf für industriellen Gebrauch und THC-reichem Hanf für psycho-aktiven Gebrauch ist mit dieser Erklärung mitten auf die Spitze getrieben. Die Weigerung der deutschen Hanffaserlobby, nach Recklinghausen zu kommen, führt so zu einem offenen ideologischen Richtungsstreit.
…nach Europa

Zurück von der Ideologie zur Praxis: Eine Karte von Deutschland, auf der für jeden Teilstaat angegeben ist, wieviel Gramm verschiedener Drogen man in Besitz haben mag – auch für niederländische Cannabiskonsumenten scheint Europa näher zu kommen.

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