Barbate – ein Schmugglerdorf in Aufruhr

Barbate – ein Schmugglerdorf in Aufruhr

Die berüchtigte Küstenstadt Barbate am Cabo de Trafalgar ist durch die Entwicklungen der vergangenen Wochen an einem Punkt angelangt, an dem die Zukunft der Schmuggler in Frage gestellt wird.

Auslöser für die verschärfte Situation war eine Routinekontrolle der lokalen Polizei, die ein unerwartetes Ende nahm. Die Beamten hielten am 24. September zwei junge Männer auf einem Mofa an und verlangten die Papiere. Die beiden widersetzten sich, und es kam zu einem Handgemenge. Kurz nach der Festnahme brach einer der Beamten plötzlich zusammen und starb nur wenige Minuten später. Offizielle Diagnose: Herzinfarkt.

Das Ergebnis der Autopsie wurde wenige Tage später bekannt: Der Beamte war infolge eines Milzrisses, der durch einen Schlag in die Nieren verursacht worden war, innerlich verblutet.
Wie zu erwarten, breiten, sich Betroffenheit und Empörung in Polizisten- und Politikerkreisen aus. Sämtliche politischen Gruppierungen der Stadt Barbate riefen zu öffentlichen Demonstrationen auf. Mit Erfolg: zwischen 8.000 und 10.000 Menschen der 22.000 Einwohner zählenden Stadt gingen am 29. September auf die Straße. “Für die Zukunft und mehr Sicherheit. Keine Toten mehr”, war auf den Bannern zu lesen.

Zwei Wochen später, am 15. Oktober, verschwanden drei Personen. Irgendein Geschäft war geplatzt, plötzlich fehlten 1.800 Kilo Hasch. Für solche Fälle gibt es spezielle Geldeintreiberorganisationen, die geklaute Kilos oder unterschlagene Kohle mit allen Mitteln einfordern, in diesem Fall durch Kidnapping. Da die Familien der Geiseln Anzeige erstatteten, mischte auch die Guardia Civil bei dem Versuch, die Jungs freizubekommen, mit. Sie nahm den Besitzer und den Angestellten eines Reisebüros in Algeciras fest, die die Geldeintreiber angeheuert hatten, um entweder die verlorenen 1.800 Kilo oder den entsprechenden Geldwert, 75 Millionen Peseten, aus den Geschäftspartnern herauszupressen.

Parallel zu den Polizeiaktionen führten andere Schmuggler, die ein Interesse an der Sache hatten, Verhandlungen mit den Entführern, irgendwo in der Gegend von Malaga. Dabei kam es am 22. Oktober fast zu einer Schießerei, man stritt sich über die Freikaufsumme.
Die Tatsache, dass einen Tag später alle Geiseln frei waren, zeigt jedoch, dass die schmugglerinternen Verhandlungen effektiver waren als die Polizeiaktionen. Nichtsdestotrotz konnte die Guardia Civil in der Folge noch zwölf Festnahmen aufweisen.

Weitaus weniger aktiv zeigte die Polizei sich bei einer Vermisstenanzeige, die wenig später einging. Am 19. Oktober verschwand ein junger Mann, der als Lotse für ein Schmuggelboot fungieren sollte. Sein Job war es, das Boot von Marokko zum Strand von El Palmar, wenige Kilometer von Barbate, zu geleiten. Er verschwand mitsamt dem Schiffsführer. Der Schiffsrettungsdienst fand das Boot Tage später vor der Küste Ceutas treibend. Nachdem die Polizei eine recht passive Haltung an den Tag legte, setzte die Familienangehörigen des Verschwundenen selbst alle Hebel in Bewegung. Sie reisten nach Marokko und Galizien und knackten den Code der Handy-Karte des Jungen, um dann per Internet die Anrufe zurückzuverfolgen. Außerdem ließen sie mehrere Berichte im “Diario de Cádiz”, der größten lokalen Zeitung, veröffentlichen. Dabei machten sie keinen Hehl aus den geschäftlichen Hintergründen. Sie stellten den jungen Mann als kleines Kettenglied im Schmuggelclan dar und wiesen darauf hin, dass er einem normalen Job nachginge. Dieses Angebot hätte er nur angenommen, um mit den verdienten zwei Millionen den Kredit seiner Wohnung abzuzahlen.

Hier wird klar, dass man in Barbate in anderen Kategorien denkt. Während “normale” Spanier brav ihre Raten zahlen, sind in dem Küstenstädtchen der südlichen Atlantikküste die schnellen Millionen greifbar.

Man hat sich längst dran gewöhnt, rasch Besitz ranzuschaffen, solange die Zeiten günstig sind. Gerade die Jugendlichen wollen sich das nicht entgehen lassen. Die Versuchung ist zu groß. Da wird lieber die Schule geschmissen und als Kurier oder Schmierensteher für die so genannten “Mafiosos” gearbeitet. So können Kinder locker eine halbe Million Peseten in einer Nacht verdienen. Wenn sie selbst was am Strand finden, fällt der Gewinn noch höher aus. Nicht umsonst ist Barbate die Stadt Spaniens, in der es die meisten Moped-Neuzulassungen gibt. Ein Kurier verdient mit einer Woche Arbeit soviel wie ein Uniprofessor in einem Monat.

Offiziell lebt Barbate zu 50 Prozent vom Fischfang. Im Schnitt verdient einer von elf Einwohnern sein Geld mit Schmuggel. Insgesamt 2.000 Menschen schaffen damit den angemessenen Wohlstand für die ganze Stadt.

Natürlich gibt es immer wieder Festnahmen. Doch wenn es einen trifft, fährt das nächste Mal der Nachbar nach Marokko und knüpft an die alten Kontakte an.
Insgesamt haben die “Barbateños” ihr Risiko dadurch verringert, dass sie nicht wie früher nach Marokko zum Einkaufen fahren und das Hasch selbst rüberbringen, sondern sie arbeiten jetzt mit marokkanischen Organisationen zusammen und regeln nur noch die Annahme an der spanischen Küste und den Weitertransport.

Doch was ein eingespieltes, Wohlstand bringendes Geschäft zu sein scheint, nimmt Formen an, die viele Menschen in diesem Städtchen um ihre Sicherheit fürchten lassen.
So folgte ein paar Tage nach der öffentlich ausgerufenen Demonstration ein weiterer Aufmarsch von 2.000 Bewohnern Barbates, die die herrschenden Zustände nicht mehr akzeptieren.

Es ist weniger die Schmuggelei, die die Leute beunruhigt und auf die Straße treibt, sondern vielmehr die sich ausbreitende Gewalt. Plötzlich gibt es tote Polizisten und Geiselnahmen; alles riecht nach organisiertem Verbrechen.
Der Bürgermeister Juan Manuel de Jesús hat sich diese wachsende Unsicherheit in der Bevölkerung zu Nutze gemacht. Mit der Demonstration wollte er die regionale Regierung wachrütteln.

Der Erfolg ließ nicht auf sich warten. Eine Anti-Drogen-Einheit von zwanzig Mann wurde Barbate zugeteilt und übt sich seitdem im Durchgreifen: An nur einem Wochenende kam es zu 56 Anzeigen, einer Festnahme und 500 Ausweiskontrollen.
Am Montag, dem 6. November, schlugen sie richtig zu: Zehn Personen, alle wohnhaft in Barbate, wurden festgenommen und verhört.

Das wiederum rief eine Gegendemonstration auf den Plan. Rund 200 Leute vereinigten sich am gleichen Morgen vor dem Gerichtsgebäude, um den Abtransport ihrer Verwandten, Nachbarn oder Kumpels ins Gefängnis zu verhindern. Dabei kam es zu Ausschreitungen. Die empörten Schmugglerclans fielen geradezu über die Polizei her, beschimpften sie, stachen Reifen von Polizeiautos platt und scheuten sich nicht vor tätlichen Angriffen. Sich völlig im Recht fühlend, schrien sie, dass der Haschschmuggel die einzige Alternative zur allgemein herrschenden Arbeitslosigkeit sei. Als klar war, dass sie gegen die Beamten der Guardia Civil machtlos waren, griffen sie die anwesenden Journalisten an. Einige Familienangehörige wurden ohnmächtig und mussten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.

Mit diesem Aufstand machten die Schmuggler klar: Kampflos geben sie sich nicht geschlagen.

Auf höherer Ebene hingegen weitet sich der Konflikt zu einer politischen Affäre aus. Politiker der sozialistischen Oppositionspartei PSOE fordern vom Innenministerium durchgreifende Maßnahmen, vor allem in Form von wirtschaftlicher Unterstützung. Den krassen Polizeieinsatz der letzten Wochen kritisiert die Opposition: Die konservative Regierungspartei PP habe zu lange weggeschaut und meine jetzt, durch polizeistaatähnliche Zustände die Versäumnisse wieder gut zu machen. Sie fordern gar den Rücktritt des zuständigen Abgeordneten der Regierung in Cádiz, Miguel Osuna. Der schiebt seinerseits alle Schuld auf die PSOE: Zu deren Regierungszeiten sei 1983 die Polizeipräsenz drastisch reduziert worden; von 80 auf 24 Beamte. Nur dadurch konnten sich die Schmugg-ler-organisationen derart ausbreiten.

Auch der Bürgermeister Barbates gibt sich enttäuscht: Die PSOE sei überhaupt nicht am Wohl der Barbateños interessiert, sondern benutze die Situation zum Stimmenfang. Vertreter der andalusischen Volkspartei versuchen sich eher in konstruktiven Vorschlägen: Der Naturpark “Parque Natural de la Breña” sowie die ganze Gegend um das Cabo de

Trafalgar solle touristenmäßig ausgeschlachtet werden und somit Arbeitsplätze schaffen; die Einrichtung eines Ärztezentrums sowie eines Gymnasiums müssten vorangetrieben werden.
Offensichtlich baut jedoch die regierende konservative Partei voll auf Polizeieinsatz. Noch bis Weihnachten will das Innenministerium drei hochtechnisierte Kontrolltürme in Betrieb nehmen, außerdem wird ein “Dichtmachen” des Flusses “Río Barbate” diskutiert: Jede Nacht soll ein mit Gewichten beschwertes Eisenkabel in die Flussmündung gehängt werden, um zu verhindern, dass die Schmuggelboote in die labyrinthartigen Kanäle eindringen können, wo sie bislang fast immer die Polizeiboote abhängen konnten.

Sicher ist, dass schwierigere Zeiten auf Barbates Schmuggler zukommen. Sie werden nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie in der Vergangenheit ihren Geschäften nachgehen können.

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