Highter Reisen – Haschnost und Herostroika

Hashish

Über die Drogensituation in der GUS

“Die Ursache des weltweiten Konsums von Haschisch, Opium, Wein und Tabak liegt weder im Geschmack noch im Genuss, weder in Entspannung noch Heiterkeit, sondern einfach im Bedürfnis eines Menschen, vor sich selbst die Ansprüche des Bewusstseins zu verbergen, denn der Mensch ist sowohl ein spirituelles als auch ein animalisches Wesen”
(Leo Tolstoi, 1828 bis 1910, russischer Schriftsteller)

In der Heimat des Hanfs

Die Gebiete der ostkaspischen zentralasiatischen GUS-Republiken Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan gelten als die botanische Heimat der Gattung Cannabis. Die Pflanze stellt den größten Schatz der kargen Natur dar, sie war und ist Faser-, Speiseöl- und Brennstofflieferant. Das schnell wurzelnde Kraut verhindert die Bodenerosion, dient somit als wichtigster Vegetationsschutz und wächst seit eh und je über Tausende von Quadratkilometern in diesen Republiken.

Erste Beweise für den Gebrauch von Haschisch finden sich bei den in Südrussland lebenden berittenen skythischen Nomadenvölkern. Sie wussten schon gut 2.000 Jahre vor Christi um die psychoaktiven Eigenschaften des Hanfs und nutzten diese bei religiösen Ritualen, wie bei Begräbnissen (“heulende Skythen”) oder ihren sagenumwobenen Schwitzbädern, die im Rauch der mit Samen behangenen Blütenstände stattfanden.

Auch der materielle Wert des Krauts war dem gleichermaßen gefürchteten wie angesehenen Volk wohlbekannt. Die Haschischgeschäfte mit Griechen, Assyrern und Osmanen florierten vor 4.000 Jahren.

Skythisches Haschisch im Tausch gegen griechisches Metall. Orientalische Genussmittel für handwerkliche Gerätschaften des Okzidents. Philosophie für Naturwissenschaft. Haschisch als Gegenleistung für Fortschritt. Die Griechen und Skythen machten vor, wie sich beide Prinzipien vereinen ließen.

Aus Usbekistan ist bekannt, dass eine Salbe aus Lammfett und Haschisch von frisch vermählten Frauen vor der Entjungferung zur Schmerzlinderung hergestellt wurde.
“Guckand”, eine aus Zucker, Hanf, Safran und Eiweiß hergestellte Süßigkeit, wurde Knaben vor der schmerzhaften Prozedur der Beschneidung als Beruhigungs- und Schmerzmittel gegeben.

Die begehrteste usbekische Hanfzubereitung war jedoch der stark aphrodisierende “Glücks-Pudding”. Seine Bestandteile sind Butter, Hanf, getrocknete Rosenblätter, Anacyclius-pyrethrum-Wurzel, Nelkenblätter, Krokus (Safran), Muskatnuss, Kardamom, Honig und Zucker.

Auf dem Baltikum wird seit Jahrhunderten die aus Hanfsamen bestehende “Samieniatka”-Suppe zubereitet, die zu Ehren der Verstorbenen zur Weihnachtszeit verspeist wird.

In der Ukraine galt der Hanf als sicheres Mittel gegen Dämonen oder den bösen Blick.
Von Fliegenpilzen (“agnikumar”) aufgeputschte Haustiere wurden so lange in ein Hanffeld gejagt, bis sie wieder friedlich waren.

Eine alte ukrainische Sage erzählt von einem fürchterlichen Drachen, der Kiew einst heimgesucht hatte und der solange sein Unwesen trieb, bis ihn ein Held, dessen Gewand ganz aus Hanftuch bestand, in den Drachenhimmel beförderte.

Das zaristische Russland des 17. und 18. Jahrhunderts profitierte von Hanf als wichtigstes Agrargut. 90 Prozent des Faserbedarfs der britischen Kriegsflotte (50 bis 100 Tonnen pro Schiff und Jahr) wurden aus Russland importiert – so gesehen basiert das britische Weltimperium tatsächlich auf Segeltuch und Tauen aus russischem Hanf.

Dem französischen Erzfeind war die britische Abhängigkeit vom russischen Faserhanf wohlbekannt. Napoleon vereinbarte nach den siegreichen Kriegen gegen Preußen und Russland mit Zar Alexander im Frieden von Tilsit (1807), dass Russland der Kontinentalsperre beitreten müsse und somit keine Faser Hanf mehr nach Britannien liefern dürfe.

Der unterlegene Zar Alexander unterzeichnete widerwillig und umging listig die Sperre, indem er die begehrten Fasern über (neutrale) amerikanische Zwischenhändler an die Briten verkaufte. Die Kontinentalsperre versagte, und Napoleon fiel im Sommer 1812 erneut in Russland ein, um diesmal vernichtend geschlagen zu werden.

Nachdem der antike Haschisch-Tauschhandel, wie der zwischen Skythen und Griechen, beide Seiten bereichert hatte, begann mit der Ökonomie des Faserhanfs seine Bedeutung als politisches Druckmittel. Fortschritt ohne Philosophie. Krieg und Frieden.

Haschnost und Herostroika

Gerne vergleichen die russischen Behörden die heutige Drogensituation ihres Landes mit jener der Vereinigten Staaten vor 30 Jahren, und tatsächlich gibt es einige Parallelen in der Entwicklung beider Länder.

So hat sich der Rauschmittelkonsum in Russland seit der Einkehr mehr oder weniger demokratischer, aber teilweise urkapitalistischer Verhältnisse in kürzester Zeit drastisch ausgebreitet. In beiden Fällen wird der sich im Norden befindende Markt von Drogenproduzenten im Süden beliefert. In Lateinamerika für die USA, in Zentralasien für Russland.

Laut offizieller Polizeistatistik haben 14 Prozent der Bevölkerung in den Staaten der ehemaligen UdSSR in irgend einer Weise mit Drogen zu tun: vom tadschikischen Haschernter und Mohnbauer bis zum Laborangestellten, der in irgendwelchen Untergrundlaboren russischer Großstädte an der Produktion von synthetischen Drogen (vor allem Amphetaminen) mitarbeitet.

Wie gesichert diese polizeilichen Zahlen sind, steht in den Sternen. Fakt ist jedoch, dass bereits 1992 der Oberste Verfassungsrat Russlands den persönlichen Drogengebrauch nicht mehr unter Strafe gestellt hat, so dass in den Statistiken nicht mehr die reinen Konsumenten auftauchen. Das hat wiederum zur Folge, dass die erwähnten 14 Prozent eher eine zu kleine Zahl darstellen.

Der Chef der russischen Rauschgiftbehörde, General Alexander Sergejew, schätzt, dass im Gebiet der GUS 7,5 Millionen Menschen Drogen konsumieren, wobei die Zahlen aus Zentralasien und dem Kaukasus, wo vor allem traditioneller Opiumgebrauch gang und gäbe ist, allerdings inbegriffen sein soll.

Wie dem auch sei: Unbestreitbar ist, dass mit Glasnost und Perestroika ein Mechanismus in Gang gesetzt wurde, den die westliche Welt vor 40 Jahren erlebte, und wie den Kommunismus mit allen Mitteln bekämpfte. Doch was mit letzterem schließlich erfolgreich und – Gott sei Dank – ohne Krieg gelang, scheiterte beim unsäglichen “Drogenkrieg” gründlichst und wird auch weiterhin ohne Chance bleiben. Siehe eben Russland.

Man kann den Menschen nicht verbieten, sich bewusstseinsverändernde Substanzen zu besorgen, denn der Wunsch nach Rausch scheint etwas dem Menschen Angeborenes. Das wusste schon Goethe. Und wo eine Nachfrage ist, da ist ein Angebot – das wissen wir alle, wir Kinder des Kapitalismus.

Moskau – ohne Mafia läuft nichts

Die Hauptstadt Russlands war der Entwicklung des Landes immer weit voraus und gilt als zuverlässiger Wegweiser. Während Anfang der 90er Jahre noch Marihuana und Haschisch die absolut dominanten Schwarzmarktdrogen Russlands waren, ließ sich die Entwicklung (natürlich) auch in Moskau nicht aufhalten: Heute ist alles im Umlauf. Heroin hat sich schon vor zehn Jahren breitgemacht und ergänzte den Markt intravenöser Gebraucher von “Mohnstrohsuppe”, einem Extrakt aufgekochter Mohnkapseln.

Synthetische Drogen werden außerhalb Moskaus hergestellt und in die Stadt importiert. Sie sind weit verbreitet: Speed, XTC, Phencyclidin (PCP) und auch LSD.

Während sich der neue russische Geldadel mit Kokain vergnügt (geschätzter Tagesverbrauch in Moskau: zehn Kilogramm), putschen sich die Ärmeren mit dem im Szene-Jargon “Propeller” genannten Ephedrin auf, welches aus dem in ganz Zentralasien wild wachsenden Meerträubel-Busch (Ephedra nevadensis) illegal und massenhaft hergestellt wird.

Wenn man die maroden Staatsfinanzen und die völlig unzulängliche russische Infrastruktur betrachtet, ist es kein Wunder, dass die eigentlichen Machthaber für die Öffentlichkeit völlig unbekannte Geschäftsleute sind, die im großen Stil mit der Drogen-Mafia zusammenarbeiten, oder selbst eine mafiöse Organisation leiten.

Sogar staatseigene Betriebe sind nachweislich in den Drogenhandel verstrickt, mit dem vor allem in den die Unabhängigkeit begehrenden Provinzen massiv Waffengeschäfte getätigt werden. Dies trägt sicherlich nicht zur Stabilisierung der Verhältnisse in Russland bei.

Während offizielle Einnahmen des Landes immer noch im post-sozialistischen allgemeinen Chaos und Dünkel des Landes versickern, investiert die kapitalistisch denkende und nach betriebswirtschaftlichen Prinzipien handelnde Mafia ihre Gelder. Und mit jedem Rubel, den sie in den offiziellen Wirtschaftskreislauf einbringt, erhöht sie ihre Macht.
Hinzu kommt, dass die völlig unterbezahlten Beamten in russischen Behörden allzu leicht den Verlockungen der Korruption unterliegen und natürlich auch Politiker auf der Gehaltsliste der ehrenwerten Gesellschaft stehen.

Aber auch unbestochenen Politikern dürfte die wirtschaftliche Entwicklung wichtiger sein als die angebliche Sorge um Moral und Volksgesundheit, und sie dürften stillschweigend die Investitionen der Mafia begrüßen. Wie fast überall auf der Welt, ist auch das russische Drogenkapital längst so mächtig, dass eine ernsthafte Bekämpfung genauso wenig durchführbar wie wirklich gewollt ist.

Hanf, soweit das Auge reicht

Im Osten Russlands sollen über 1,5 Millionen Hektar Cannabis wachsen, wobei lediglich 5.000 Hektar von Bauern kultiviert werden. Der Rest ist Wildwuchs – potentes sibirisches Gras, aus den Gegenden Buriatien, Tuva und entlang des Flusses Amur, welches locker den ganzen Weltbedarf decken könnte. Offensichtlich verstehen die Russen es derzeit noch nicht, diesen Schatz zu heben, denn es erscheint weder in Europa noch in den USA russisches Dope auf dem Markt.

Mir ist vom Hörensagen lediglich ein Fall bekannt, in dem die deutschen Behörden etwas Russen-Hasch beschlagnahmten, was dann gleich eine Sensation war, alle wichtigen Rauschgiftbekämpfer vom Landes- und Bundeskriminalamt hektisch auf den Plan rief und Anlass zur höchsten Besorgnis bot.

Angesicht der Devisenknappheit in der GUS wird ihr Drogenmarkt aber größtenteils mit einheimischen Produkten versorgt – zumindest was Cannabis, Opiate, Ephedrin und Amphetamine betrifft.

Die zentralasiatischen Hanfreserven müssen andere Cannabis-Produzenten in helle Aufregung versetzen. Was sind dagegen schon ein paar Tausend Hektar Rif-Plantagen in Marokko?

Russland könnte allein mit seinen Hanfbeständen den Weltmarkt aufrollen und in Marokko und anderswo die Lichter ausgehen lassen. Ein Preisverfall wäre die logische wirtschaftliche Konsequenz. Man darf gespannt sein.

Und: Zu den riesigen wilden Hanfsteppen Sibiriens kommen weitere Millionen Hektar Cannabis, das in den von der SU abgekoppelten Staaten Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisien und Usbekistan wächst. Allein im Dschu-Tal, in der kirgisischen Region Dshambul, wächst auf 138.000 Hektar Cannabis “ausgezeichneter Qualität”, wie der “Welt-Drogen-Bericht” anerkennend feststellt. Doch dort, wo vor wenigen Jahren bloß ein paar Touristen und Studenten sich ihre Taschen vollstopften, trifft man heute keine Erntearbeiter mehr, die nicht mit Kalaschnikoff oder Raketenwerfen bewaffnet wären und mit Lastwagen die ergiebigsten Felder kontrollieren.

Neben dem (wildwachsenden) Marihuana sind es aber besonders die Mohnanpflanzungen, die in letzter Zeit sprunghaft angestiegen sind. Der Grund ist einfach: Mit Opium lässt sich mehr Geld machen als mit Haschisch.

Da eine Grenze nach Afghanistan praktisch nicht mehr existiert, ist es ein Leichtes für Schmuggler, ihre Ware zu verschieben. Afghanisches Opium und Haschisch wird in manchen Landesteilen Tadschikistans als Zahlungsmittel benutzt. In seiner Hauptstadt Duschanbe, wo zehn Gramm Hasch oder ein Gramm Opium zehn Mark kosten, “neigen die Polizeibeamten eher dazu, von den Wohltaten von Mohn und Cannabis zu sprechen, als die illegalen Kulturen auszurotten”, so das “Observatoire géopolitique des drogues (OGD)” in seinem “Welt-Drogen-Bericht” mit einem Anflug von Resignation.

Jens Haag

bereist seit 20 Jahren den Planeten und wird das auch die nächsten 20 Jahre tun. Seine Rückzugsgebiete liegen im Schwarzwald und der Sierra Nevada de Santa Marta. Er hat übrigens Betriebswirtschaft studiert und sich schon in seiner Diplomarbeit mit dem Thema “Marketing des illegalen Drogenhandels” beschäftigt.
Sein Buch “HanfKultur Weltweit” ist im Verlag Werner Piepers MedienXperimente, 69488 Löhrbach, erschienen.

 

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