Jamaica big up

Cannabis Jamaica

Out of many, one people … Dieser Spruch ziert die Hoheitszeichen Jamaikas und symbolisiert die weitverzweigten Wurzeln der Inselbewohner. Rund 95 Prozent der knapp 2,5 Millionen Jamaikaner haben afrikanische Wurzeln, die restlichen fünf Prozent setzen sich aus Engländern, Chinesen, Arabern und sogar Deutschen zusammen.

Wie in den Kochkursen in der Volkshochschule gelehrt wird, besteht eine unvergessliche Gaumenspeise aus perfekt aufeinander abgestimmten Zutaten und sorgsam dosierten phantasievollen Gewürzen. Das hat sich wohl auch “Jah” (Bezeichnung für Gott bei den Rastafaris) gedacht, als er für seine Meisterprüfung die Zutaten für das unvergessliche Inselparadies Jamaika zusammenstellte.

Überall ist der Vibe spürbar, den die Insel versprüht und vielen Bewohnern die Kraft gibt, ihr “likkle island” auch international sehr erfolgreich zu präsentieren. Namen wie Merlene Ottey, Linford Christie, Colin Jackson oder Donovan Bailey stehen für herausragende sportliche Leistungen dieser Insel. Wer hat vor zwei Jahren nicht gebannt auf den Fernseher geschaut, um einmal die Reggaeboyz bei der Fußball-Weltmeisterschaft und deren meist leichtbekleidete weibliche Fangemeinde zu sehen. Oder wie war das noch 1988 in Calgary, als Jamaika ein Bobteam zur Winterolympiade geschickt hatte. Dieses Ereignis wurde später sogar verfilmt und lief unter dem Titel “Cool Runnings” in den Kinos.

“Cool Runnings” ist eine typisch jamaikanische Floskel, die die Lebensgewohnheiten auf der Insel gut beschreibt. “Easy going, mon”. Vergesst die Hektik, die uns täglich zermürbt. Auf Jamaika laufen die Uhren anders. “Soon come” lautet das Motto, wenn der Bus auf sich warten lässt oder ein Treffen sich verschiebt. Jamaikaner reden gerne und viel. Ein Gang zum Straßenhändler, um schmackhafte Jerk Chicken (Hühnchen) zu kaufen, kann leicht einen ganzen Nachmittag füllen.

Rastas, Reggae, Ganja

Unbestritten ist Jamaika die Heimat des Basses und des Riddims. Vom Rocksteady über Ska zum Reggae, Dub und nun Dancehall gibt die Insel seit jeher Impulse für viele andere Musikrichtungen, die Teile von Reggae übernehmen. Ob es Reggae Basslines sind oder Ragga Hooklines oder die Verwendung der Dubtechniken: Jamaika ist die Wiege. Die ersten Superstars der “Dritten Welt” kamen aus Jamaika.

Der in St. Ann´s Bay geborene Marcus Garvey gründete Anfang des 20. Jahrhunderts in New York einen Verein zur Förderung der Schwarzen und prophezeite das Erscheinen eines schwarzen Königs und Erlösers, der in Afrika gekrönt werden sollte. Viele Anhänger Garvey´s sahen sich 1930 durch die Krönung von Ras Tafari Makonnen als Kaiser Haile Selassie in Äthiopien bestätigt und gründeten auf Jamaika die ersten Rastafari-Gruppen.

In den 60er Jahren wurde Robert Nesta “Bob” Marley, der “King of Reggae Music”, zur Leitfigur für viele unterdrückte Schwarze auf der ganzen Welt. Auf seinen weltweiten Konzerten brachte er wie kaum ein anderer die unterschiedlichsten Rassen zusammen und machte die Farben der Rasta-Bewegung bekannt. Rot, Gold und Grün stehen für das, was den Schwarzen bei ihrer Versklavung geraubt wurde – Rot für ihr Blut, Gold für ihren Reichtum und ihre Gesundheit, Grün für ihr Land.

Auch wenn es für die gläubige Rastas kein Muss ist, tragen sie meist Dreadlocks (dread waren und sind die Ghettos der Hauptstadt Kingston), rauchen Holy Herb (heiliges Kraut) Ganja (Gras) und ernähren sich von Ital Food, dem jamaikanischen vegetarischen Essen. Da die Rastas meinen, Fleisch mache den Menschen gefährlich und aggressiv, wird es – ebenso wie Alkohol und Zigaretten – strikt abgelehnt. Folglich wird ein goldbehangener “Rasta”-Man, der zum Fleischgericht einlädt, kaum ein gläubiger Rasta, sondern eher ein Yardie sein, der sich auf das “Touristenausnehmen” spezialisiert hat.

Seit sich die Rasta-Bewegung zum gewaltfreien Widerstand entschlossen hat und auch Gewalt gegen die Polizei ablehnt, können die gläubigen Rastas auf Jamaika nur noch wegen dem Besitz ihres heiligen Krautes Ganja verfolgt werden, denn dieses ist hier strengstens verboten und wird mit drakonischen Strafen geahndet.

Obwohl die großen Reggae-Legenden wie Bob Marley, Peter Tosh, Dennis Brown und viele andere nicht mehr leben, bestimmt der Reggae das tägliche Leben und sind die pumpenden Dancehall Riddims überall auf der Insel gegenwärtig. Anfang der 80er Jahre veränderte sich die musikalische Entwicklung auf Jamaika. Die großen Roots Bands und Sänger gaben weltweit Konzerte und waren nur noch selten im Yard (Jamaika) zu sehen. Durch die blutigen Kämpfe, den Regierungswechsel und die gestiegene Armut der Bevölkerung erlangten die Soundsystems große Popularität.

Soundsystems sind reisende Discos der Ghetto people. Die Soundsystem Teams fahren mit LKWs, die mit Bassboxen und Endstufen voll beladen sind, quer durch Jamaika und bestehen aus einem Selector, der die Platten aussucht, und einem MC, einem Master of Ceremony, der die Menge entertaint und die neuesten Lieder vorstellt oder einfach die heißesten News verkündet. Meistens ist auch ein Operator am Set, der für die technische Seite zuständig ist.

Die Popularität der Soundsystems begeistert viele Jugendliche und bringt ständig neue MCs hervor. Mittlerweile hat sich das MCing immer weiter verfeinert, so dass schon richtige Geschichten aus den Ansagen entstanden sind, die auf der B-Seite (Instrumentalseite) einer 7-inch-Single performt wurden. Diese Art von schnellem Sprechgesang wird auf Jamaika “Toasten” beziehungsweise “DeeJaying” genannt und ist vergleichbar mit dem später entstandenen amerikanischen Rappen. Da diese Musik oft nur auf Soundsystem Dances in einer Dancehall gespielt wird, werden sie auch als Dancehall bezeichnet. Der erste große Dancehall-Star war der Albino “Yellowman”, der in den 80er Jahren als erster DeeJay Act einen Major Deal bekam und international tourte.

Der Dancehall Hype ist nach wie vor ungebrochen. Die Hauptstadt Kingston hat den größten Musik-Output der Welt und bestimmt den Musikmarkt auf Jamaika. Die Superstars der heutigen Reggae-Szene heißen Beenie Man, Buju Banton, Bounty Killer, Capleton, Red Rat, Sean Paul, Lexxus, Luciano, Morgan Heritage, Glen Washington. Auch in Europa boomt es im Reggae-Bereich, und die “Großen” der weltweiten Reggae-Soundsystem-Elite, wie “Stone Love”, “Killamanjaro”, “Matterhorn”, “David Rodigan”, sind manchmal auch hierzulande zu erleben.

Die scheinbar unendlich große Anzahl von Dubplates (Unikat-Produktionen von Künstlern speziell für das Soundsystem, die auf eine Metallplatte mit Folienüberzug geritzt werden) und die Entertainmentqualitäten lassen sich aber erst auf Jamaika so richtig auskosten. Die beiden riesigen Festivals “Reggae Sunsplash” und “Reggae Sumfest” bieten eine Woche lang ununterbrochen Reggae Acts und Soundsystems. Doch auch in der übrigen Zeit ist auf Jamaika für das Nachtleben gesorgt. Jeden Abend finden Soundsystem Dances oder Live-Konzerte statt. Ein Besuch der lokalen Soundsystem Dances in eher unbekannten Gefilden empfiehlt sich allerdings nur in Begleitung von Einheimischen. Eine Kalkleiste (Weißer) fällt im Yard schnell auf und wird gern als potenzieller Sponsor gesehen. Wer hier nicht unbedingt etwas Unbrauchbares kaufen möchte, sollte das Angebot sofort dankend ablehnen. Sehr von Vorteil sind in solchen Situationen natürlich Kenntnisse der auf Jamdung (Jamaika) üblichen Umgangssprache “Patois”. Die Sprache klingt weich und fließend. Beim Zuhören ist nicht immer gleich erkennbar, ob der Sprecher etwas sagen möchte oder einen Tune performt!

Geprägt wurde Patois durch die Sklaven, um sich damit untereinander verständigen zu können, ohne dass die englischen Plantagenbesitzer sie verstanden. Nach wie vor ist Patois eine sehr lebendige Sprache, die dauernd durch neue Wortkreationen und Ausdrücke erweitert wird.

Reisen

So selbstverständliche meteorologischen Eigenschaften wie konstante Tagestemperaturen um 30 Grad Celsius, Nachttemperaturen um 24 Grad und unverschämte 27 Grad Wassertemperatur (wohlgemerkt das ganze Jahr über) müssen wohl nicht extra erläutert werden. Vorsicht ist beim Klicken auf die offizielle Homepage des Jamaican Tourist Board (www.jamaicatravel.com) geboten. Wer hier der freundlichen Aufforderung folgt und mal kurz einen Blick aus seinem Fenster riskiert, bei dem wird sich schnell Wehmut und das Bedürfnis nach einem Last-Minute-Flug zum “Sangster International Airport” in Montego Bay breit machen. Ich hab’s gleich mal ausprobiert und wurde dabei glücklicherweise von meinen Fensterlamellen gestoppt, die ich zum Schutz vor morgendlichen, sehr ungesunden Schnellfrustrationen vor langer langer Zeit präventiv heruntergezogen habe. So konzentriere ich mich gleich wieder auf meinen Monitor, wo mich die jamaikanische Seite darüber informiert, dass auf der Insel gerade 28 Grad Celsius gemessen werden, während ein “Cliff-Man” in azurblaues klares Wasser eintaucht. Die folgende Frage “Wouldn´t you rather be here”, kann ich nur noch mit einem rhetorischen Schmunzeln beantworten.

Die Reisevorbereitungen für Jamaika sind schnell erledigt. Ein Visum ist nicht erforderlich, bei der Einreise ist lediglich ein gültiger Reisepass vorzulegen. Besondere Impfungen sind auch nicht notwenig. Die übliche Reiseapotheke reicht aus. Und regelmäßige Nonstop-Flüge von Deutschland nach Montego Bay gibt es schon für etwa 1.000 Mark. Preiswerter und sehr beliebt sind nur die Martin-Air-Flüge von Amsterdam.

Jamaika liegt etwa 160 Kilometer südlich von Kuba und hat eine ellipsenförmige Ausdehnung. Von Osten bis Westen erstreckt sich die Insel über 236 Kilometer und von Nord nach Süd über 82 Kilometer. Aus der britischen Kolonialzeit sind auf Jamaika die englische Landessprache und der Linksverkehr erhalten geblieben. Die riesigen Schlaglöcher lassen sich am besten mit einem Mietwagen oder einem offiziellen bassreflexrohrgeladenen Taxi (mit PP-Kennzeichen) umfahren. Für längere Strecken empfehlen sich Busse, die irgendwann mal losfahren!

Gezahlt wird mit Jamaican Dollars, amerikanischen Scheinen und Kreditkarten. Für eine Mark gibt es etwa 20 Jamaican Dollars, die nicht ausgeführt werden dürfen.

Jamaika bietet jedem Reisenden, was er sucht. Der Yuppie kann sich auf den Golfanlagen austoben und bei Übernachtungskosten von weit über 2.000 Mark pro Nacht genauso selig werden wie der von Dorf zu Dorf tingelnde Rucksack-Explorer, der sich in den Blue Mountains (immerhin ist der höchste Berg Jamaikas 2.256 Meter hoch) seine Inspiration holt. Mit seinen Korallenriffen ist Jamaika auch bei Tauchern und bei Seglern beliebt.

Die bekanntesten Reiseziele sind Montego Bay, Ocho Rios, Port Antonio und natürlich Negril, das mit elf Kilometern den längsten Sandstrand Jamaikas hat. Ganz anders sieht es in der Hauptstadt Kingston aus. Knapp die Hälfte aller Jamaikaner, mehr als eine Million Einwohner, leben meist mehr schlecht als recht in der hektischen Metropole Kingston. Ein Besuch der Ghettos ist nur in Begleitung von Einheimischen empfehlenswert und sollte ansonsten besser vermieden werden. Ebenso wenig ratsam ist es, mit viel Schmuck herumzulaufen oder mit fetten Geldbündeln herumzuwedeln. Wer diese Regeln beachtet und vielleicht sogar ein wenig Patois spricht, wird sicherlich auf positive Verwunderung stoßen und mit Respekt behandelt werden. Überhaupt ist Respekt auf Jamaika sehr wichtig, denn die Jamaikaner sind sehr stolz!

Wen jetzt das Reisefieber gepackt hat, sollte seinen Rechner einschalten und auf die Irie FM Seite gehen, dort einen Live Stream hören und danach auf die Jamaican-Tourist-Board-Homepage klicken, um bei laufenden Tunes im Hintergrund den Fenster-Raus-Schau-Test zu machen. Der Rest erledigt sich dann von alleine. Jamaica nice, mon !

Internet
Jamaika-Infos

www.jamaicatravel.com (offizielle Seite des Jamaican Tourist Board. Gute und viel infos)
www.insidersjamaica.com (weitere offizielle Seite des Jamaican Tourist Board)
www.caribtravelnews.com/jam.htm (Board mit vielen eigenen Reiserfahrungen auf Jamaika, nützlich für Sportler und Rucksackexplorer et cetera)
www.homeviewjamaica.com

Online-Radio aus Jamaika

www.homeviewjamaica.com/iriefm/irielive.html (Irie FM , 24 h Reggaemusic) oder
www.homeviewjamaica.com/iriefm/index.htm

Reggae

www.bobmarley.com
www.sumfest.com (offizielle Page von “Reggae Sumfest”)
www.reggaesunsplash.com (das Reggae Mega Spektakel – “Reggae Sunsplash”)
www.dancehallreggae.com (für Dancehall-Fans)
www.dancehallminded.com (für Dancehall-Fans)
www.beenieman.net · www.bujubanton.net
www.bountykiller.com · www.vpcapleton.com
www.morganheritagefamily.com
www.mr-vegas.com · www.slyandrobbie.com
www.imexpages.com/stonelove (Homepage von Stone Love Movement)

Geschichte

Am 4. Mai 1494 entdeckte der spanische Koloniensammler Kolumbus die Insel und stellte sie unter spanischen “Schutz”. Die Ureinwohner, die “Arawak”-Indianer, waren schon bald von den eingeschleppten Krankheiten der Europäer dahingerafft. Einzig der ursprüngliche Name der Insel überlebte – “Xaymaca”, das Land aus Wald und Wasser. Da die “Arawak”-Indianer nun als Arbeitskräfte für die Zuckerrohrplantagen ausfielen, holten sich die Spanier Sklaven aus Afrika. Nachdem die Engländer 1655 Jamaika erobert und die Spanier vertrieben hatten, machten sie die Insel im 18. Jahrhundert zum bedeutendsten Sklavenmarkt in der Karibik und zur wichtigsten Zuckerkolonie des Empire. Am 6. August 1962 erhielt Jamaika die Selbständigkeit und wurde Mitglied im British Commonwealth of Nations.

Die 80er Jahre sind gekennzeichnet durch innenpolitische Machtkämpfe, die vielfach blutig endeten. Seit der Bauxitpreis auf dem internationalen Markt stark verfallen ist, sind der Tourismus, der Export von Rum und Kaffee (der Blue Mountain Coffee, gilt als einer der besten Sorten der Welt), die Musik und der Drogenhandel (der offiziell natürlich gerne verschwiegen wird) die wichtigsten Einnahmequellen des Landes.

Drogenbesitz

Touristen sollten unbedingt folgende drei Regeln einhalten: Erstens, Weed muss sofort geraucht werden! Zweitens, Touristen sollten sich niemals auf Straßendeals einlassen. Drittens, wer jamaikanisches Gras rauchen möchte, sollte in die abgelegenen Blue Mountains zu den tiefgläubigen Rastas fahren. Da ein gläubiger Rasta kein Nikotin raucht und Tabak zudem ziemlich teuer ist, wird das milde jamaikanische Gras auf Jamaika meistens pur geraucht.

Ein gutgläubiger Ganja-Devisen-Tourist mit Gras oder Kokain im Gepäck ist ein beliebtes Opfer für einen Polizisten, der irgendwie seine Familie ernähren muss. Es kann schon mal passieren, dass ein Polizist – in Zivil – einem Touristen freundlich etwas zu Kauf anbietet, um ihn danach zu verhaften. Knast und willkürliche Geldstrafen (natürlich in US Dollars) sind dabei natürlich vorprogrammiert.

Reisetipps

Wer das wirkliche Jamaika kennenlernen will, sollte vor dem Jamaika-Urlaub unbedingt ein Info-Paket beim Jamaican Tourist Board (JTB) bestellen. In den kostenlosen Broschüren sind sehr gute Tipps für Jamaica-Starter sowie gute und preiswerte Guesthouses und Hotels zusammengestellt.

Jamaican Tourist Board (JTB), Postfach 90 04 37 · 60444 Frankfurt / Main, Fon 06184/99 00 44, Fax 06184/99 00 46

Literatur

Reggae / Soundsystem-Kultur: “Wake the town and tell the people” von Norman C.

Stolzoff – Duke Univ. Press, 2000 (sehr gutes und verständliches Buch über die Geschichte der Soundsystem-Kultur auf Jamaika – englisch)

Patois “Dancehall Dictionary” von Francis Jackson – L.M.H. Books, 1995 (erstes Dancehall-Wörterbuch mit Comics, Redewendungen und Übersetzung Patois – Englisch)

“Worte wie Feuer” von Stasa Bader, Günther Jacob – Michael Schwinn Verlag, 1992 (deutsches Buch über das Dancehall-Phänomen)

Reggae-Lexikon von Rainer Bratfisch – Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 1999 (Das Lexikon für die Musik, die aus Jamaika kam – von Ska bis Dancehall)

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