Manali – Die Legende (k)lebt feat. Parvati-Valley

Cannabis Manali

Das erste Mal, dass mir “Manali” zu Ohren kam, muss etwa 1980 gewesen sein. Ein guter Freund war damals gerade von seiner ersten Indien-Reise zurückgekehrt. Er hatte einige Wochen in diesem kleinen Ort im nördlichen Himachal Pradesh zugebracht – wesentlich länger als ursprünglich geplant, wie die meisten Traveller zu jener Zeit. Seine Schilderungen waren – nicht nur in puncto Dope – so überschwänglich und euphorisch, dass ich den Eindruck gewann, hier hätte jemand den Garten Eden gefunden. Dennoch sollte es rund zwanzig Jahre dauern, bis es mir vergönnt war, das Manali-Valley mit eigenen Augen zu sehen.

Natürlich war mir klar, dass nichts mehr so sein würde wie vor zwanzig Jahren. Doch was mich letztlich erwartete, trieb mir nicht nur Tränen der Enttäuschung in die Augen, sondern mich auch postwendend in die nächste Auto-Rikshaw. Bei allen Hindu-Göttern, das war ja noch schlimmer als befürchtet. Nichts als Restaurants, Hotels, Touristenläden, Internet-Cafés und andere Segnungen der modernen Zivilisation. Genau dieselbe Klientel, die schon den Bus hierher bevölkert hatte, bestimmte das Straßenbild: frischvermählte indische Hochzeitspärchen auf dem Weg ins Honeymoon-Paradies. Das also war aus der Freak-Hochburg von einst geworden! Eine ordinäre Plastilin-Bettenburg, bevölkert von bengalischen Großfamilien auf Jahresurlaub und vögelwütigen Jungvermählten, die das Hotel nur verließen, um sich in den überteuerten und meist schlechten Restaurants neue Energie anzufuttern. Aber zum Glück gibt es ja – gar nicht so weit entfernt gelegene – Alternativen.

Old Manali, zum Beispiel. Einige Kilometer hat sich der schwachbrüstige Zweitakter den Berg hinaufzuquälen. Bereits während der Fahrt ist ersichtlich, dass auch hier alles auf Tourismus ausgerichtet ist, die Hotels und GuestHouses allerdings locker und unaufdringlich in der Gegend verstreut liegen. Dazwischen jede Menge sattgrüne Wälder und Felder sowie die für diese Gegend typischen Bauernhöfe. Und: Hanf allenthalben! Überall sprießt das Kraut – selten jedoch im blühenden Stadium. Völlig unbeachtet steht das Ganja in der Gegend herum – nicht nur, weil es wahrscheinlich von recht bescheidener Qualität ist. Der wahre Grund heißt “Paranoia”. Police Hysteria. Und das aus gutem Grund …

Der Besitzer der Lodge, in der ich absteige, zeigt sich denn auch ziemlich entsetzt, als er meines Rauchvorrates ansichtig wird. Einige Tolas Afghani und Chitral habe ich dabei (eine Tola = etwa zehn Gramm). Kleine Andenken aus verschiedenen Regionen Pakistans – als Alternative zu all dem Manali-Hasch, das mir hier über den Weg laufen wird. Denn wo immer ich bisher “Manali” gekauft hatte – ob in Kopenhagen oder Amsterdam -, stets zeichnete sich Manali-Charras lediglich durch unverschämt hohe Preise aus, nie durch exzellente Qualität. Die Traveller, die ich in Pakistan getroffen hatte, waren der gleichen Meinung: “You better take some Afghani with you. You won’t find that kind of stuff there! It’s all expensive crap in Manali!” Nette Aussichten, die sich anscheinend sofort bestätigen. Was der Hotel-Wallah mir wenig später anbietet (trotz seiner Paranoia dealt er natürlich, wie die meisten anderen Lodge-Besitzer), ist schlichtweg eine Unverschämtheit. “Cream, Baba! Sixhundred Rupee one Tola”. Ich sollte bald merken, dass hier alles “Cream” heißt, was schwarz ist und glänzt.

Der nächste Fladen wird mir im Freak-Restaurant “River Music” auf den Tisch geworfen. “Make Chillum!”, fordert mich ein altes, lustiges Männlein auf und legt ein kleines, scheinbar uraltes Rauchhorn daneben. Auch an den anderen Tischen huldigt man “Bhole Nath” – und zwar völlig unverhohlen. Keine Spur von Paranoia, obwohl der Laden von der anderen Flussseite her sehr gut einsehbar ist. Und würde das Wasser nicht so rauschen, bekäme sogar ein Blinder mit, was hier an “illegalen Aktivitäten” abgeht. Ebenso enthusiastische wie lautstarke “Bhom Shivas” und “Bam Bholes” begleiten jede neue Rauchrunde, und die Duftschwaden, die zu mir herüberwehen, strafen das bisher Gehörte Lügen. Auch was mir der Alte zugesteckt hat, ist nicht von schlechten Eltern. Nicht, dass es qualitativ besser wäre als meine Sorten; es ist halt nur “anders” (mehr/weniger CBD/CBN, andere “Delta-THC-Gruppierungen” et cetera). Entsprechend reagiert mein Körper darauf. Hinzu kommt, dass ich in den letzten Wochen fast ausschließlich Tüten geraucht habe. Das heftige Saugen am Chillum befördert natürlich ganz andere Rauchmengen in die Lunge als ein dezent gerauchter Joint. So liege ich die nächste Stunde im seligen Halbkoma und genieße die indischen Ragas aus der HiFi-Anlage, die sich in himmlischer Weise mit dem Gemurmel des Flusses vermischen.

Drei Tage verbringe ich in Old-Manali, erkunde den Ort, durchwandere die nähere Umgebung und stelle auf jeder Tour erneut fest: Wo sich Menschen in größerer Zahl angesiedelt haben, ist das Ganja (etwa wie in Deutschland die Brennnessel) allgegenwärtig. Treckt man dagegen hinaus in die freie Natur – naiverweise in Erwartung von noch mehr und noch größeren Pflanzen – wird Cannabis zu einer überaus seltenen Pflanze. Manali-Town steht voll mit riesigen, herrenlosen Graspflanzen, die anscheinend niemanden interessieren. Einige Stunden bergaufwärts ist es hingegen wieder vorbei mit der Herrlichkeit. Will man hier Ganja sehen, muss man die genauen Orte kennen – besser noch: Man sollte die Bauern kennen, auf deren Scholle es wächst.

Einer meiner kleinen Trecks führt mich ins nordöstlich gelegene Vashisht, und ich verliebe mich augenblicklich in diesen Ort. Ein kleines, wunderschönes Dorf mit bescheidener “Freak-Infrastruktur” und einem “Shanti-Feeling”, wie ich es lange nicht mehr gespürt habe. Die Locals scheinen freundlich und unverdorben; ein völlig anderer Menschenschlag als ihre Nachbarn aus Uttar Pradesh oder dem Punjab. Vieles erinnert mich an Nepal. Es gibt Tempel mit (rauch-)lustigen Babas und relaxte Roof-Top-Cafes, in denen eventuell vorhandene “No-smoking-Charras-please”-Schilder permanent ad absurdum geführt werden. Schattige Restaurants, auf deren Speisekarten man Bhang-Lassi, Space-Chaai und Magic-Mushroom-Omeletts ebenso findet wie authentisch-indisches Essen, Schweizer Rösti oder “Original Italian Pizza”. Eben alles, was Leib und Seele zusammenhält. Denn es hat sich inzwischen sogar in Manali herumgesprochen, dass man von Charras und Ganja allein nicht leben kann. Das war durchaus nicht immer so …

Die älteren Semester erinnern sich noch gut an jene Zeiten, als Manali sich vom Geheimtip zum Freak-Mekka entwickelte und es hier noch keine kulinarischen Spezialitäten gab. Als die Freaks sich lieber mit Charras statt mit Essen vollstopften, weil sie der kärglichen, immergleichen Mahlzeiten der Locals überdrüssig waren. Die Zeit, als sich die völlig unvorbereiteten Dörfler einem plötzlichen Ansturm von Hippies aus aller Welt gegenübersahen und nicht recht wussten, wie sie dem begegnen sollten. Jene Jahre, als sich der Terminus “Hippie” zu einem der schlimmsten Schimpfworte auf dem indischen Subkontinent entwickelte – was sich bis heute nicht großartig geändert hat.

Im “Basho” hängen noch einige herum, die den Tatbestand der völligen Verwahrlosung erfüllen und der negativen Interpretation der Vokabel “Hippie” absolut zur Ehre gereichen. Schnorrer und Parasiten, nicht selten Betrüger, Einbrecher und Diebe, wie man sie auch in Varanasi oder Goa findet. Ansonsten aber wird diese Location ihrem Ruf gerecht, der “Chill-Out-Place” schlechthin zu sein. Im Dachgeschoss eines ziemlich großen (und teuren) Hotels gelegen, ist das “Basho” eine Mischung aus Flat-Floor-Restaurant (Tasty food!), Rauchhöhle, Diskothek (riesige Tanzfläche) und Konzertsaal, wo vor allem Traveller aus aller Welt – nach neun Uhr abends – die Chillums kreisen lassen, als trainierten sie für die Teilnahme am Cannabis-Cup. Die in Manali-Town herrschende Paranoia ist hier offensichtlich nicht einmal ansatzweise vorhanden. Was für einen Unterschied doch wenige Kilometer machen können. Auch, dass sich nach Ladenschluss ein Teil der Gäste aufmacht, um im Dorftempel noch ein letztes Chillum mit den dort lebenden Babas zu schmauchen, wäre in Manali undenkbar. Das Städtchen wimmelt nur so von Uniformierten und Civil-Narcs, während ich nach vier Tagen Vashisht noch immer keinen einzigen Polizisten gesehen habe – allerdings auch nichts, was man im weitesten Sinne als Ganja-Plantage hätte bezeichnen können.

Ich unternehme einen letzten Versuch, bevor ich weiterziehe ins Parvati-Valley. Zum ersten Mal begebe ich mich nicht allein auf “Hanf-Pirsch”, sondern durchwandere die Gegend mit einem netten Pärchen, das im gleichen GuestHouse abgestiegen ist. Pech nur, dass die weibliche Hälfte überaus redselig ist und genau zum falschen Zeitpunkt meine Identität entlarvt: “You know for what magazine this man is working?” Ich sehe ihren auf mich gerichteten Zeigefinger und den fast entsetzten Gesichtsausdruck unseres Gastgebers. Gerade jetzt, wo ich endlich jemanden gefunden habe, der nicht nur dealt, sondern augenscheinlich auch selbst anbaut und produziert, werde ich enttarnt. Womit das soeben gemachte Foto, die Selektion der Samen für die nächste Aussaat, das letzte ist, welches mir hier gewährt wird. Seine Pflänzchen, der Sack voller Charras-Fladen – imposante Objekte und eigentlich genau das, was ich mir erhofft hatte – sind passé. Unser Bäuerlein ist jetzt derart alarmiert, dass an Fotografieren nicht mehr zu denken ist. “Put camera in bag, please!” Zumindest nordindische Haschbauern scheinen an investigativem Hanf-Journalismus nicht sonderlich interessiert zu sein.

Gute vier Stunden braucht der Bus nach Manikaran, einem kleinen Ort am Ende des Parvati-Valleys. Und was stelle ich fest? Mir gefällt der Ort überhaupt nicht. Ähnlich wie Manali ist hier alles auf “Punjabi-” beziehungsweise “Bengali-Tourismus” eingestellt. Von Freaks und entsprechender Infrastruktur keine Spur. Nicht ein “Eingeborener” spricht mich auf Charras an. Nicht ein Lokal, das auch nur annähernd so aussähe wie ein “Szenetreff”. Dazu der ebenso allgegenwärtige wie unangenehme Gestank von Schwefel. Überall quillt blubberheißes Aqua Sulfurata aus der Erde, dass es nur so dampft und qualmt. Gab es in ganz Vashisht gerade mal vier solcher Quellen, so verfügt hier jedes Haus über sein eigenes Schwefelbad im Keller. Hat angeblich Heilwirkung, die stinkige Brühe. Aber auch das hält mich nicht länger als einen Tag in Manikaran. Ich entschließe mich, zurückzufahren nach Jari. Ein Ort, den ich gerade vorgestern durchfahren habe und der als Ausgangsort für einige kleine Trecks geeignet schien.

Einen Tag erhole ich mich in Jari, mache kleine Spaziergänge in die Umgebung und rauche mit dem Inhaber des einzigen Restaurants, das hier genießbares Essen anbietet, diverse Tüten. Natürlich dealt auch er, und was ich unter dem Tisch angeboten bekomme, ist von erlesener Qualität. “Jungle, my friend. I make myself!” Nun ja, ich weiß nicht, ob ich ihm das glauben soll, denn irgendwie behauptet das hier jeder. Würde das stimmen, müssten die Dörfer verwaist sein, weil alle Bewohner im Dschungel das Charras von den Pflanzen rubbeln. Egal, der Stoff ist vortrefflich und ich erweitere meine Souvenirsammlung um zwei glänzendschwarze Fladen von je einer Tola.

Das Dope turnt prächtig an, der Ort leider überhaupt nicht. So begebe ich mich früh am nächsten Morgen auf einen Spaziergang nach Kasol – zwölf Kilometer zurück in Richtung Manikaran. Kaum ein Mensch ist so früh unterwegs, und die erste Stunde wandere ich in unangenehmer Kälte, die sich erst verflüchtigt, als gegen neun Uhr die Sonne hinter den Bergen aufsteigt. Auch der Weg wird jetzt zusehends belebter. Und als ich gerade daran denke, mir abseits der Straße ein Tütchen reinzuziehen, begegne ich jemandem, der scheinbar ähnliche Gelüste hat. Seine Geste des Chillumrauchens lässt keinen Zweifel: Er will mich zu einem solchen einladen.

Meine neue Bekanntschaft ist hochparanoid. Fünf Minuten schleichen wir durchs Unterholz, bis endlich die für ihn nötige Distanz zur Straße erreicht ist. Er zieht einen der für diese Gegend typischen Charras-Fladen aus der Tasche, bricht ihn in der Mitte durch und hält ihn mir zur Begutachtung hin: “Tik häi?” Ehrlich gesagt, weiß ich nicht recht. So etwas ist mir noch nie unter die Nase geraten. Es riecht satt nach Cannabis – ohne Zweifel. Doch das Hauptaroma ist undefinierbar. Irgendwo hinten in meinem Hirn flackert – während ich an dem Piece schnuppere – eine angenehme Assoziation auf. Eine Erinnerung an lang vergangene Zeiten vielleicht; auf jeden Fall aber ein durch und durch positives Gefühl. Wenn mich nicht alles täuscht, halte ich gerade das beste Dope in Händen, das mir bisher im gesamten Kulu-Tal angeboten wurde. Krishna – so heißt mein neuer Freund – freut sich über mein Urteil. “I make self in Jungle”, sagt er stolz. Ausnahmsweise glaube ich ihm das sogar.

Wenig später sitze ich in seiner armseligen, aber ungemein gemütlichen Hütte, die er sich mit drei Hunden und einer Kuh teilt. Mehr als die Hälfte der Wohnfläche nimmt die Streu für das Hornvieh ein. Die verbleibenden drei Quadratmeter teilt sich Krishna mit den Hunden. Während ich auf sein Geheiß ein weiteres Chillum baue, versucht mein Gastgeber unter Mühen, die Kuh zum Aufstehen zu bewegen. Meine Annahme, er wolle sie jetzt melken, stellt sich als Irrtum heraus. Das Tier bewacht vielmehr ein Säckchen voller Haschischfladen, das Krishna jetzt endlich schnaufend unter dem Stroh hervorzieht. “My harvest”, grinst er. “How much you want?”

Keine Frage, dass ich mir dieses Zeug nicht entgehen lassen darf. Nur überschreiten meine Bestände langsam die kritische Menge; immerhin muss das Zeug noch über die indische Grenze. So begnüge ich mich mit weiteren drei Tola (30 Gramm), für die er mir vergleichsweise bescheidene eintausend Rupien abnimmt. Ein sehr netter Mensch, dieser Krishna; nur fotografieren lässt auch er mich nicht. Die altbekannte Paranoia. Stattdessen bereitet er uns ein leckeres Essen. Wir rauchen ein weiteres Chillum zum Nachtisch. Dann heißt es Abschied nehmen. Ich habe einen weiten Weg vor mir; aber so wie ich mich fühle, könnte ich jetzt bis ans Ende der Welt gehen.

Im Nu ist Kasol erreicht. Welch ein Unterschied zu Jari und was für ein Fehler, nicht bereits hier ausgestiegen zu sein. Ich verliebe mich augenblicklich in dieses kleine Dorf, das endlich so aussieht, wie ich es mir erhofft hatte. Hätte ich doch nur ein paar Tage mehr Zeit. Ein neuerlicher Umzug wäre absolut lohnenswert. Leider läuft in vier Tagen mein Visum ab, und bis dahin muss ich Indien verlassen haben. So verbringe ich wenigstens noch einen herrlich relaxt-breiten Nachmittag mit sympathischen Travellern und abgehobenen Sadhus. Als ich jedoch – beim günstigsten Stand der Sonne – die Schönheit dieses Ortes auf meinen Film bannen will, schlagen die für optische Gerätschaften zuständigen Dämonen dem Transportmechanismus meiner Kamera zwei Zähne aus. Das heißt: No more pictures ’til Nepal! Und bevor ich jetzt von Dingen berichte, die ich nicht bildtechnisch belegen kann, geht es erst dort weiter mit der Himalaya-Erntedank-Tour. See ya next time …!?

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