Widerstand im Hanfland

Swiss cannabis

Die Schweizer Justiz kämpft sich durch den Hanfdschungel. Doch sie hat es schwer. Überall stößt sie auf Widerstand. Die Presse findet die polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Tätigkeiten völlig übertrieben, die Hanfaktivistinnen und Hanfaktivisten sind zäh und geben einfach nicht klein bei, für jeden geschlossenen Hanf-Shop rückt ein neuer nach.

Adi Weisskopf ist ein Zürcher Hanfbewegter. Im folgenden Interview erzählt er, was er in den letzen beiden Jahren an Aktivitäten unternommen hat.

HANFnet: Adi, wie bist du zum Hanf gekommen?

Adi: Nun, so seit ich 13 war, habe ich gekifft. Vor allem natürlich Hasch, denn das Gras war damals schlecht. Gedealt habe ich nie.

HANFnet: Wieso hast du dann den Vollmondshop in Wetzikon (Zürcher Oberland) eröffnet?

Adi: Wie viele andere bin auch ich in die Hanfläden gegangen und habe Duftsäckchen gekauft. Zum Beispiel bin ich in die Stadt Zürich gefahren und wollte für mich und meine KollegInnen Duftsäckchen kaufen. Doch bald stellte ich fest, dass wir über den Tisch gezogen werden. Der Inhalt war nur zum Teil rauchbar, der größte Teil war minderwertiger Hanf – un(b)rauchbar. Klar, es waren auch nicht Säckchen zum Kiffen, sondern Duftsäckchen. Aber wir wollten ja etwas zum Kiffen haben und nicht an den Säckchen riechen.

HANFnet: Und da wolltet ihr das selber machen?

Adi: Genau. Diese Frechheit brachte uns dazu, einen eigenen Laden, den Vollmondshop, zu eröffnen mit dem Ziel, dort kiffbaren Hanf zu verkaufen. Wir wollten diese Paranoia-Geschichte “Duftsäckchen” nicht mehr. Nein, wir wollten dazu stehen: Wir verkaufen rauchbaren Hanf.

HANFnet: Wie lief der Laden denn am Anfang?

Adi: Wir rechneten mit vielleicht 2000 Franken Umsatz pro Tag, doch der Start war sehr bescheiden. Doch dann ging es los, und nach vier Monaten hatten wir bereits 80.000 Franken umgesetzt.

HANFnet: Wetzikon ist ja keine Großstadt. Euer Tun wurde doch sicher von den Ordnungshütern bemerkt?

Adi: Ja, am 28. Oktober 1998 kamen sie das erste Mal vorbei und machten eine Razzia. Allerdings nicht im Shop, sondern bei mir daheim (ich hatte viele Hanfpflanzen im Garten). Diese Ernte wurde dann beschlagnahmt. Wenig später kamen sie dann auch im Laden vorbei und verhafteten mich wegen Verdachts auf Hanfhandel. Die Polizisten waren bei der Verhaftung jedoch sehr anständig: Ich bekam genügend Zeit, im Laden aufzuräumen, die Tiere zu füttern.

HANFnet: Was hast du dann bei der Einvernahme ausgesagt?

Adi: Ich habe alles zugegeben: Wie viele KundInnen wir hatten, welche Umsätze wir realisierten. Auch dass wir an Minderjährige verkauften, habe ich zugegeben. Zehn Tage nach meinem Geständnis haben sie dann auch noch den Laden durchsucht und alles mitgenommen: Geld, Ware. Und mich natürlich wieder befragt. Dabei habe ich ausgesagt, dass ich weiterhin Hanf verkaufen würde, dass ich erst aufhören würde, wenn ich im Knast sitze.

HANFnet: Und dann ging’s weiter?

Adi: Ja, klar. Wir haben weiter verkauft und sogar noch einen zweiten Laden beliefert, den Vulkan-Shop. Es lief auch alles gut. Erst im September/ Oktober machten sie im Vulkan-Shop derart viele Razzien, dass der Laden nicht mehr weiter arbeiten konnte. Daraufhin informierten wir die Medien, dass wir in Wetzikon 187 verschiedene Sorten verkauft hatten. Täglich konnten wir unserer Kundschaft rund 40 Sorten zur Auswahl anbieten. Der Umsatz stieg auf 250.000 Franken pro Monat.

HANFnet: Das konnte aber wohl nicht unbeantwortet bleiben?!

Adi: Ende November 1999 wurde ich dann verhaftet.
Ich sagte mir, Adi, schau die Untersuchungshaft als Ferienzeit an. Ich saß 14 Tage und nahm es auch ziemlich easy, allerdings gab es nichts zu kiffen. Im Fernsehen sah ich, dass draußen nichts lief, obwohl wir eigentlich abgemacht hatten, dass diejenigen, die nicht verhaftet worden waren, die Medien benachrichtigen und Druck machen sollten.

HANFnet: Du warst ja auch im Hungerstreik?

Adi: Ja, etwa eine Woche machte ich Hungerstreik. Aber wenn das draußen nicht bekannt wird, macht das ja auch keinen Sinn. Deshalb hörte ich damit wieder auf. Nach zwei Wochen wollte ich wieder raus und habe das Papier des Untersuchungsrichters unterschrieben. Darin hieß es, ich dürfe nie wieder Hanf verkaufen. Ansonsten käme ich gleich wieder in Untersuchungshaft.

HANFnet: Und nach deiner Entlassung?

Adi: Da waren zunächst mal viele Gespräche nötig. Mit dem Personal des Ladens: Ich musste alle beruhigen, dann mussten wir überlegen, wie weiter. So kamen wir auf die Idee, den Laden zu verkaufen und den Leermondverein zu gründen. Im Shop sollten die Leute Hanf kaufen können, im darüber liegenden Verein sollten sie das dann konsumieren können.

HANFnet: Der Verein sollte also ein Kiffer-Club sein?

Adi: Ja, aber noch mehr. Das Ziel ist die Hanflegalisierung. Wir wollten aber auch mit den KifferInnen reden: Wieso kifft ihr? Wir wollten mit den Behörden und Eltern reden: Wieso seid ihr dagegen?

HANFnet: Konntet ihr das umsetzen?

Adi: Ja, wir haben viele Gespräche geführt. Die Eröffnung des Leermond-Vereins kündeten wir mit Inseraten in vielen Zeitungen an – allein dafür gaben wir rund 10.000 Franken aus. Allerdings trauten sich viele Mütter nicht in den Verein herein: Sie hatten ein (völlig falsches) Bild im Kopf. Sie dachten, sie gingen in eine Drogenhölle. Sie hatten Bilder im Kopf, wie sie sie vom Zürcher Letten gesehen hatten (überall Dreck, Spritzen, abgesiffte Gestalten).

HANFnet: Dann hattet ihr keinen elterlichen Besuch?

Adi: Doch, es kamen dann einzelne Mütter trotz innerer Krämpfe und stundenlangem Auf- und Ablaufen vor dem Verein herein – und warten sehr überrascht. Eigentlich wollte eine Mutter, wie sie sagte, uns alle wegen unserem unverantwortlichen Tun zusammenscheißen. Doch als sie sah, dass unser Verein ein aufgeräumter Ort ist, mit Sofas, mit vernünftigen Menschen, mit denen man reden konnte, war sie doch sehr überrascht.

HANFnet: Wer kam dann sonst zur Eröffnung?

Adi: Vor allem natürlich die KifferInnen, von der Bezirksanwaltschaft und der Polizei kam leider niemand. Auch sie hatten wir natürlich eingeladen. Unsere Bibliothek wurde rege benutzt, und wir machten eine Menge Video-Interviews.

HANFnet: Was kam denn in den Interviews heraus?

Adi: Vor allem, dass die Einstiegsdroge nie das Kiffen gewesen war. Als erstes kam bei vielen ein Kirschstängeli (Schokolade-Stängel mit Kirsch gefüllt). Dieses wurde in der Regel von den Eltern geklaut. Ein zweiter Einstieg lief über das Bier, beziehungsweise über den Bierschaum, der von den Jugendlichen gekostet wurde (vom Vater erlaubt, von der Mutter verboten). Da zeigt sich ganz klar: Die Eltern müssen aufgeklärt werden, ebenso die LehrerInnen. Bei denen herrscht eine große Verwirrung.

HANFnet: Und, konntet ihr bei den Eltern Aufklärungsarbeit machen?

Adi: Nein, es gab weitere Razzien im Shop, die Angestellten standen unter großem psychischem Druck. Dann waren halt die Demonstrationen wieder notwendiger. Nachdem Polo, der neue Shop-Betreiber, in Haft genommen wurde, veranstalteten wir ein Sit-in unter dem Motto: “Solange Polo sitzt, sitzen wir hier”. Das hielten wir während drei Tagen durch, dann war Polo wieder frei. Dies war im Juli diesen Jahres.

HANFnet: Wie ging es dann weiter?

Adi: Polo wollte den Laden wieder aufmachen, so wurde er unter reger Medien-Teilnahme wieder eröffnet und blieb auch eine Woche offen. Dann wurde Polo erneut verhaftet. Auch ich wurde wenig später verhaftet. Ich verweigerte allerdings die Aussage, weil mir das ganze einfach zu blöd wurde. Als ich dann der Haftrichterin vorgeführt wurde (sie hätte für eine länger dauernde Untersuchungshaft zu entscheiden gehabt), erfuhr ich dann, dass der zuständige Bezirksanwalt in der Anklageschrift die ganze Zeit von Heroin geschrieben hatte, statt von HANFnet Das war auch der Haftrichterin dann ziemlich suspekt, und sie gab einen maximalen Rahmen von zehn Tagen Untersuchungshaft.

HANFnet: Eigentlich wart ihr dann doch dabei, eine Demo in Zürich zu organisieren?

Adi: Genau, am 9. September war eine Demo in Zürich angesagt, und ich war in Untersuchungshaft bis zu diesem 9. September. Der Untersuchungsrichter hielt mich bis nach dem Start der Demo in Untersuchungshaft. Wieder unterschrieb ich eine Verfügung, dass ich nie mehr Hanf verkaufen dürfe.

HANFnet: Dann warst du wieder frei, und die Demo schon am Laufen?

Adi: Ja, ich hatte nur 60 Franken im Sack. Trotzdem wollte ich unbedingt nach Zürich. Also setzte ich einem Taxifahrer mein Problem auseinander. Da er mich aus den Medien kannte und meine Aktionen gut fand, fuhr er mich nach Zürich. Das fand ich echt gut: Grad aus dem Knast und schon ein Mensch, der einem hilft, zu einem hält! So kam ich mitten in der Kundgebung an. Obwohl der Untersuchungsrichter alles daran gesetzt hatte, mich daran zu hindern.

HANFnet: Nachher gab es ja noch eine zweiwöchige Demo?

Adi: Ja, nach der Räumung der größten Hanfgärtnerei in Ossingen beschlossen wir, in Winterthur eine Demo zu veranstalten. Wir zogen also durch das Städtchen und quartierten uns vor der Bezirksanwaltschaft ein, bauten ein Zelt auf, schleppten Sofas herbei.

HANFnet: Und die Bezirksanwaltschaft ließ euch einfach so gewähren?! Auf ihrem Grundstück?!

Adi: Nun ja, wir hatten sozusagen eine Übereinkunft: Sie lassen uns in Ruhe demonstrieren, und wir lassen sie in Ruhe ihre Arbeit machen. Mit der Zeit kannten man sich auch; so wussten wir immer, wann sie Kaffeepause machten oder wann Feierabend war. Es kamen viele Leute vorbei: zum Reden, zum Kiffen. Einige übernachteten auch dort, und wir organisierten Essen, Trinken und auch eine große Rauchmaschine. Dies, um neben Transparenten auch mit Rauchsignalen auf unser Anliegen aufmerksam zu machen. Auch die Medien kamen natürlich reihenweise vorbei.

HANFnet: Nach zwei Wochen wart ihr dann müde?

Adi: Ja, es ist schon anstrengend, sowas durchzuziehen. Und als die Verhafteten am 12. Oktober aus der Gärtnerei Ossingen wieder auf freiem Fuß waren, war unser Ziel ja auch erreicht.

HANFnet: Vor dem Wintereinbruch gab es dann nochmals eine Demo?

Adi: Am 28. Oktober zogen wir nochmals durch Zürich, mit Wettbewerb. Wer macht den größten Joint, wer macht den kleinsten Joint und wer macht den dicksten Joint? Von einem Dudelsackpfeifer angeführt, marschierten wir ohne Bewilligung durch Zürich. Es war allerdings nur ein kleiner Zug von vielleicht hundert Aktiven.

HANFnet: Aber trotzdem ein schöner Abschluss eines bewegten Jahres. Adi, ich danke dir für dieses Interview und wünsche dir viel Kraft für weitere Aktivitäten.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *