Drogenrepublik Deutschland: Glossa Continua Cannabica

Cannabis Deutschland

Koks im Reichstag, und der Fußball rollt nach Babylon – Eine Blütenlese zum Fall Daum und zur neuen Drift der Drogenpolitik.

Speed-Freaks glauben, dass sie phantastische Macht und große kreative Fähigkeiten besitzen. Aber es sieht so aus, dass sie nie zu Ende bringen, was sie in Angriff nehmen. (…)Speed bringt dich niemals in den Himmel, es schickt dich richtiggehend in die Hölle. Es geht doch in Wirklichkeit darum, dass wir alle langsamer werden sollten.” (Timothy Leary, Down on Speed. Aus: COUNTDOWN 3. A SUBTERRANEAN MAGAZINE. New York 1970)

AC / DC – Angelica Camm und Daums Christoph. Ihre Initialen prangen auf ihren Autokennzeichen; da wissen wir gleich, mit welchen Leuten wir es zu tun haben. Seine Initialen besitzergreifend in irgendeinen Baumstamm ritzen, darum geht`s doch bei diesem Geschäft. Tun Berti Voigts (BV) und Rainer Calmund (RC) auch. Unnötig, den ganzen Hergang der Affäre nochmal herzubeten; darüber weiß man inzwischen auch in Abu Dhabi und Samarkand bestens Bescheid. Dennoch lohnend, ein Resümee zu ziehen; in das Thema “Drogenpolitik” ist jedenfalls Bewegung gekommen.

Lothar Matthäus immerhin ist fein raus: “Gut, dass ich weit weg war, sonst wäre ich wieder derjenige gewesen, der an allem schuld ist.” Unschuldig dürfte auch Helmut Kohl sein. Obwohl: Dass Bayer-Manager Calmund bei der letzten NRW-Wahl, entgegen dem Brauch fast der ganzen Branche, ausnahmsweise SPD gewählt hat, dürfte den Alt-Kanzler und Groß-Strippenzieher mächtig gewarnt haben. Wer weiß, was da noch ans Licht kommt. Ansonsten ist es sehr zu begrüßen, dass wieder einmal die Mächtigen einander bekriegen. Und nebenbei die alberne “Keine Macht den Drogen”-Kampagne und sich selbst blamieren. Calmund (CDU) gegen Hoeneß (CSU), Mayer-Vorfelder (CDU, Roth-Händle, Trollinger) gegen Beckenbauer (CSU, Golf), Lattek (Bier) gegen Hoeneß (Wurst), Big Brother (RTL) gegen Gottschalk (ZDF) et cetera. “Keiner wird unbeschädigt aus dieser Affäre hervorgehen”, so die Verheißung des unvermeidlichen Paul Breitner!

“Speed ist das Symbol einer Welt, die nicht angeturnt ist, einer Welt voll grölender Maschinen, die Gestank und löcherige Geldmacher ausspuckt, die Tabak und Rauch ausrülpsen.”

Leary, a. a. O.

Die Einteilung in erlaubte (Alkohol, Nikotin) und unerlaubte Drogen (Kokain et cetera) ist nicht länger zu halten. Außer vielleicht für Kanzler-Bruder Lothar Vosseler, einen inzwischen gefragten Kolumnisten: “Meine Hand würde ich nur für einen ins Feuer legen – für den Gerd. Der hat höchstens mal den Schaumrest von ‘ner Pilskrone an der Nasenspitze.” Sein Kommentar zur Bundestags-Koks-“Affäre”. Dagegen der Bremer Kulturwissenschaftler Rainer Stollmann: “Die Menschen haben die ,Keine Macht den Drogen’-Heuchelei im Fußball-Geschäft sowieso nicht geglaubt. Und solange Alkohol, die Volksdroge Nummer 1, in den Stadien reichlich fließt, ist Kokainmissbrauch sicher nicht das wichtigste Thema” (EXPRESS). So sieht das auch – und das ist die größte und erfreulichste Überraschung – der einfache “Mann von der Straße”, der zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert wird.

Die jahrzehntelange Anti-Drogen-Gehirnwäsche hat offenbar wenig Wirkung getan. So beklagte einer in der NRZ, “dass in Vereinen weiterhin alkoholisierte Trainer, Betreuer, Schiedsrichter und Funktionäre bei den Verbänden gut angesehen und nicht entfernt werden.” Und “Alkohol bis zum Abwinken in den Chefetagen deutscher Konzerne – normal und von jedem akzeptiert. Kokain jedoch eine nicht zu verzeihende Todsünde?”, fragt ein anderer in der BILD-Zeitung, und ebenda: “Wenn Daum saufen würde, würde es keinen Menschen interessieren” !

“In Zukunft wird weniger gedealt.”

Jürgen Schrempp

Zur Illustration ein Beispiel aus dem Buch “Die Stunde des Strategen. Jürgen Schrempp und der Daimler-Chrysler-Deal” von David Waller: Nach einem alkoholreichen Geschäftsessen in Sevilla, etwa um zwei Uhr morgens, hatte Schrempp “plötzlich dieses gefürchtete Glitzern in den Augen, packte seine Assistentin, warf sie über die Schulter, griff sich eine Flasche Champagner, rief seinen hellauf begeisterten Geschäftsfreunden über die freie Schulter ein markiges ,Bis später, Jungs!’ zu und war verschwunden.” So geht’s also – ganz oben jedenfalls – zu, in der deutschesten aller Firmen. Die natürlich vorneweg marschiert bei der Plage “freiwillige Drogentests für Mitarbeiter”. Trefferquote: ein Prozent. Die Gerichte spielen mit. Werden bei einem Arbeitnehmer am Arbeitsplatz Drogen gefunden, rechtfertigt das selbst bei geringen Mengen eine fristlose Kündigung; so das Arbeitsgericht Frankfurt. Der DGB hält nichts davon. Wenn diese Tests ohne Verdacht erhoben würden, sei das “ein Eingriff in das Persönlichkeitsrecht”.

Ford – die tun nichts. Und das ist gut so. Werkssprecher Fuchs: “Ein Drogentest gehört nicht zur Betriebsvereinbarung. Sollte ein Mitarbeiter Probleme haben, helfen wir ihm, suchen nach einer Therapie.” Reicht doch. Lufthansa und Siemens auf der gleichen Linie. Shell macht’s wie die amerikanische Einwanderungsbehörde; bei Anstellung muss ein Fragebogen ausgefüllt werden: “Nehmen Sie Drogen oder nicht?” Bei Bayer, Rheinbraun und Bosch sind Drogentests dagegen Pflicht; CDU-Politiker würden sie gerne flächendeckend einführen; “Sie gehören zur Fürsorgepflicht eines Unternehmens, um Mitarbeiter vor Fehlern und Unfällen zu bewahren.” Verglichen mit diesen totalitären Phantasien, ist der Big-Brother-Container das kleinere Übel.

Die Petroleummenschen setzen sich selbst Speed-Ziele, die von ihnen Energien verlangen, die sie nicht haben. Leary, a. a. O.

Drogenrepublik Deutschland. So nennt sich eine Serie der BILD-Zeitung. Schauen wir mal rein: “Mannheim: Ein 38jähriger war ohne Führerschein gefahren und gab zu, Haschisch geraucht zu haben.” Boah. Vermutlich einer der “Söhne Mannheims”. Regensburg: “Bei einer Drogenrazzia nimmt die Polizei 16 Verdächtige vorläufig fest. Die Beamten finden 80 Gramm Rauschgift, darunter Heroin und Haschisch.” 80 durch 16, das macht Verfahrenseinstellung, jedenfalls außerhalb Bayerns. Aber in diesem Drogen-Frei-Staat ist ja alles anders. Und die BILD-Zeitung korrigiert: “In dem Bericht über die Haaranalyse von C. Daum wird ,ng’ als ,Millionstelgramm’ bezeichnet. Es muss richtig ,Milliardstelgramm’ heißen (= 0,000.000.001 Gramm!).” Warum auch nicht? In Nürnberg wurde jetzt ein Prozess wegen 0,09 Gramm Haschisch (mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar) geführt. Und der Angeklagte verurteilt.

“Wie soll man in einer Stadt wie Leverkusen überhaupt an Drogen rankommen?” Harald Schmidt

Wir haben den “kleinen Mann” gelobt; doch gibt es nach wie vor den typischen BILD-Leser von der “Armes Deutschland!”-Fraktion. Er scheint inzwischen eine neue Droge entdeckt zu haben, die, was die Vermittlung von Selbstvertrauen und Größenwahn angeht, Kokain bei weitem zu übertreffen scheint. Doch urteilt selbst: “Was ist mit der sonst so unnachgiebigen US-Einwanderungsbehörde, warum hat man diesen Drogensüchtigen ins Land gelassen? Ich habe deswegen schon bei der US-Botschaft protestiert und um Ausweisung von Daum ersucht”, schreibt G. Schütt aus Braunschweig. Und P. Visser aus Velbert: “Ich werde mal mit dem Papst reden, damit Herr Hoeneß selig gesprochen wird – zu Lebzeiten.” Ganz schön keck, die Leute.

Die Stadt der Anpassung schafft das Bedürfnis, mit unnatürlichen Anforderungen fertigzuwerden. “Turn on, tune in, drop out”, das heißt, einen Lebensweg finden, in dem keine Anforderungen gestellt werden, die nicht mit deinen eigenen, natürlichen Bedürfnissen übereinstimmen. Leary, a. a. O.

Und dann noch Koks im Reichstag! Ein 20er-Jahre-Feeling stellt sich ein; damals wurde die “Berliner Schwatzbude” so lange von rechts attackiert, bis Schluss war mit dem Parlamentarismus. Deren Forum heute die Rubrik “Leser schreiben in BILD”: “Alle Abgeordneten zur Haaranalyse! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Dicke Diäten fordern, um damit vielleicht Koks zu konsumieren?” “Mein Tipp: Zuerst alle Grünen zum Haartest.” “Werden wir von Hasch-Brüdern und Koksern regiert?” Und während alle Welt über das Thema “Einwanderung” debattiert, wird hier (nur zu!) die Auswanderung erwogen: “Ich will kein Deutscher mehr sein, wenn das so weitergeht”, schreibt J. Rothmeier aus Oberviehbach (!) in Bayern (!!) zum Thema “Wer kokst im Reichstag?” Dazu einige Fakten: Der Sat-1-Schnüffler Lettmayer gehört einer Nation an, die Sudel-TV-Menschen noch häufiger hervorbringt als Diktatoren: Österreich. Er hat auch auf dem letzten Oktoberfest nach Kokain gesucht – und gewaltige Mengen gefunden. Das war, bevor der heilige Fußball mit dem Thema in Berührung kam – und hat keinen interessiert.

Natürlich war es ein CSU-Mann, Zeitlmann, der Haarproben von Abgeordneten verlangt hatte. Und der unvergessene Eduard Lintner will sich einem Haartest nicht verweigern. Und wie beim Fußball wird nun auch in der Politik die Macht von “König Alkohol” thematisiert. Der FDP-Abgeordnete Detlev Kleviest zum Beispiel pflegte stark alkoholisiert im Bundestag zu reden. Wer ihn in seinem Büro aufsuchte, bekam schon morgens einen “Kreislauftee” angeboten: ein Glas Sekt. Der damalige Chef der Jungen Liberalen, Ralph Lange, sagte dazu einen Satz, der womöglich der klügste in dieser Kolumne ist, aufgepasst also: “Wenn Kleinert bekifft geredet hätte, hätte er weniger Unsinn von sich gegeben – aber die Republik wäre Kopf gestanden.” Bingo. Was macht der Lange eigentlich heute? Hinterbänkler? So viele tolle Politiker haben wir auch nicht, dass wir es uns leisten könnten, auf solche Durchblicker zu verzichten.

“Kann in unserem sogenannten Rechtsstaat ein erwachsener Mensch sein Leben nicht so einrichten, wie er es für gut befindet, solange niemand und nichts Schaden dadurch erleidet?” Ein Leserbriefschreiber in der WELT AM SONNTAG. Entspricht ziemlich genau dem, was Timothy Leary das 1. Gesetz des psychedelischen Zeitalters genannt hat. Würde in HANF! Nicht weiter auffallen. Ist aber im ausgepichten Trinker- und Anti-Drogen-Blatt WELT AM SONNTAG fast revolutionär. Der Ruck, von dem Roman Herzog immer gefaselt hat, jetzt geht er also durchs Land. Angesichts eines desginierten DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder, der betrunken in eine Pressekonferenz wankte, muss WELT AM SONNTAG bekennen: “Vielleicht ist es gerade in diesen Tagen wichtiger denn je, daran zu erinnern: Auch Alkohol ist eine Droge.” Erstaunlich für ein Blatt, das eine Rubrik “Lebensart” unterhält, in der es vorwiegend ums Saufen geht.

Keine Macht den Drogen – unverwüstlich

Eine der wenigen durchdachten Aktionen von rot-grün: dieser unseligen Kampagne den Saft – sprich vier Millionen DM – abzudrehen und die Trainingsanzüge der Nationalspieler von diesen albernen Stickern zu befreien. Es gibt dennoch therapie- resistente Kader im Fußball, die sich nach den alten Zeiten zurücksehnen. Der erste war Bayer-Manager Calmund: Christoph Daum könne zu einem “nationalen Helden” in der Drogenbekämpfung werden. Der Bielefelder Wissenschaftler Hurrelmann konterte: Das sei der Versuch, den kommerziellen Sport, der den Drogenkonsum seiner Akteure geradezu provoziere, moralisch reinzuwaschen. Man sollte sich endlich zu klaren Prinzipien bekennen, das Sponsoring durch Alkohol- und Pharmafirmen ablehnen. Ähnlich sprach sich Christa Nickels aus. Dann kann Fedor Radmann, Organisator der WM 2006, mit der tollen Idee, die Kampagne wiederzubeleben; zum Beispiel durch kostenlose Werbespots in ARD und ZDF. Hilfe! Und so einen hat die “Titanic” bei der WM-Bewerbung unterstützt. Amerikanische Verhältnisse drohen; überhaupt fällt auf, dass die Hardliner gern nach drüben schauen, auch Prof. Fritz Sörgel, der vom gesamten Sport Drogentests verlangt: “In den USA wird bereits jeder höhere Mitarbeiter auf Drogen getestet.”

Die Trainer sind da skeptisch, allen voran Werner Lorant (1860): “Waaas will der? Ob dieser Professor wohl ‘nen Vogel hat? Glaubt der, ich lasse meine Haare testen oder mich überhaupt auf Drogen untersuchen? Warum sollte ich? Jeder gibt jetzt seinen Scheiß dazu, das ist eine Frechheit. Mir reicht das jetzt!” Uns auch, Werner. Kurz und knapp Ewald Lienen (Köln): “Diese Diskussion ist absurd.” Ironisch Felix Magath (Frankfurt): “Man sollte mal überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn man bei den Professoren eine Probe macht. Ich weiß nicht, ob es gesund ist, wenn man so viel über Büchern sitzt.” Und Ottmar Hitzfeld (Bayern): “Was ist, wenn einer erkältet ist und etwas nimmt, was auf der Liste steht? Was ist, wenn einer einen Asthma-Anfall hat, wie einst Riedle. Der hätte sterben können.” Lass gut sein, Ottmar. Die gehen über Leichen, wenn es gegen Drogen geht.

Gegen ausländische Drogen jedenfalls. Jetzt wurde ein Fußballer der 3. Liga freigesprochen, der sich des gleichen Dopingmittels bedient hatte wie der Ringer Leipold, dem man deswegen die Goldmedaille weggenommen hat: Norandrostenion. Ein deutsches, genauer bayerisches Produkt – “Speed Kreatin” der Firma “All Stars Fitness Products” -, erworben in einer deutschen Apotheke. Solche Referenzen hat freilich das Haschisch nicht, das einem Spieler noch im Sommer eine Höchststrafe eingebracht hatte (HANF! berichtete).

“Der Fußball rollt nach Babylon”

Philipp Selldorf

Vieles muss fehlen in einer Zusammenfassung wie dieser. Die Rolle der Medien, auch der “seriösen”; die Beschimpfungen der Hauptakteure im Wortlaut; die paranoiden Verschwörungstheorien in allen Lagern; die erstaunlichen Parallelen zum Sturz Kohls und der CDU (dieser Niedergang setzt sich ja auf mehreren Ebenen fort); die Unantastbarkeit von Firle-Franz Beckenbauer (“Seine Fähigkeit zur üblen Nachrede übertrifft sogar die der Spitzenpolitiker in Berlin”, FAZ).

Als vorläufiges und hoffnungsvolles Fazit darf gezogen werden, dass die Regierung eine letzte Chance bekommen hat, eine Neubewertung der Drogen noch in dieser Legislaturperiode durchzuführen. Einiges wird jetzt öffentlich diskutiert: die Umkehr der Beweislast – bei der Drogen-“Kriminalität”, wo es kaum Anzeigen, kaum Geschädigte gibt, an der Tagesordnung -; die Fragwürdigkeit vieler Zeugen: “Es ist kein Problem, für ein paar Mark einen Haufen Zeugen aufzutreiben”, Rainer Calmund; – die Unverhältnismässigkeit der Mittel (“der Koblenzer Oberstaatsanwalt Horst Josef Leisen, der sich im Kampf gegen die Mafia einen Namen gemacht hat, ermittelt gegen Daum”, SZ; “Wenn Daum seine Drogen über einen längeren Zeitraum in größeren Mengen erworben hat, wäre ein Haftbefehl angebracht, zumal sich der Trainer auf der Flucht befindet. Dann könnte er von den USA nach Deutschland ausgeliefert werden”, FDP-Drogenexperte Stadler in der WELT AM SONNTAG.

Den Rückenwind sollte man ausnutzen. Packt’s endlich an!

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