Schadensreduzierung I

Cannabis medizin

Minimierung möglicher Schäden beim Rauchen von Cannabisprodukten

Die beiden Artikel zur Schadensreduzierung sind eine popularisierte Kurzfassung eines Beitrages von Dr. Grotenhermen für das JOURNAL OF CANNABIS THERAPEUTICS, der Ende des Jahres 2001 erscheinen soll. Dort finden sich auch weitergehende Literaturhinweise.

Die Inhalation krebsfördernder Verbrennungsprodukte beim Rauchen von Cannabis wird von Medizinern im Allgemeinen als die größte gesundheitliche Gefahr im Zusammenhang mit der medizinischen Verwendung von Cannabisprodukten angesehen. Es gibt jedoch einige Strategien, um die damit verbundenen Risiken zu reduzieren.

Die zwei wesentlichen Vorteile der Inhalation von Cannabis oder Dronabinol (THC) sind der schnelle Wirkungsbeginn und eine einfache Titrierung der Dosis, was diese Form der Einnahme sehr attraktiv macht. Viele Erkrankungszustände verlangen eine schnelle Wirkung, wie etwa der Beginn eines Migräneanfalls oder die Bekämpfung plötzlich einschießender Schmerzen. Die Inhalation ist zudem bei Übelkeit und Erbrechen der oralen Einnahme (Essen, Trinken) überlegen, da es in diesem Fall eventuell nicht möglich ist, Pillen oder andere orale Zubereitungen einzunehmen.

Pharmakokinetik

Die Pharmakokinetik beschreibt, was mit einer Substanz im Körper geschieht, von der Aufnahme über Mund, Lunge, Haut oder andere Wege bis zur Ausscheidung über Nieren und Darm. Die Pharmakokinetik des THC unterscheidet sich erheblich in Abhängigkeit von der Aufnahmeform, wie dies in Tabelle 1 für die intravenöse Gabe (über eine Infusion in eine Vene), die inhalative Gabe (Rauchen, Inhalieren) und die orale Gabe (Essen, Trinken) dargestellt ist.

Beim Rauchen werden etwa 10 bis 30 Prozent, bei geübten Rauchern bis zu 50 Prozent des in der Cannabiszigarette vorhandenen THC durch die Lunge in das Blut aufgenommen und sind auch an den Wirkorten im Körper, vor allem im Gehirn, (bio-)verfügbar. Die Wirkung tritt innerhalb von einigen Sekunden ein und erreicht nach 20 bis 30 Minuten ihr Maximum. Bei der oralen Aufnahme tritt die Wirkung verzögert nach 30 bis 60 Minuten, eventuell auch erst nach ein bis zwei Stunden ein.

Risiken des Rauchens

Mehr als 200 Verbrennungsprodukte wurden im Marihuanarauch gefunden, und von vielen ist bekannt, dass sie für die Schleimhäute des Atem- und des oberen Verdauungstraktes schädlich sind. Benzanthrazen und Benzpyren, zwei stark krebsfördernde polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kommen im Teer von Cannabis im Vergleich mit Tabakteer in einer 25 bis 75 Prozent höheren Konzentration vor (Lee et al. 1976). Die Ablagerung dieser polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe in der Lunge wird im Vergleich zwischen ungefilterten Marihuanazigaretten und gefilterten Tabakzigaretten nahezu vervierfacht (Wu et al. 1988). Dazu trägt das längere Atemanhalten beim Cannabisrauchen bei.
Mögliche Folgen des Rauchens sind chronische Bronchitis, Lungenemphysem und eventuell Lungenkrebs. Da beim Cannabisrauchen im Vergleich zum Tabakrauchen viermal so viele krebserregende Stoffe in der Lunge abgelagert werden, könnte auch das Lungenkrebsrisiko entsprechend höher sein. Dann würde das Rauchen einer halben Cannabiszigarette das Krebsrisiko in einem Umfang erhöhen, wie dies durch zwei Tabakzigaretten geschieht (siehe Abbildung 1). Allerdings gibt es bisher keine ausreichenden Untersuchungen, die diese Annahme belegen.

Cannabiskraut kann mit Krankheitserregern (Schimmelpilze, Bakterien) versetzt sein, was vor allem für immunbeeinträchtigte Patienten (HIV, Aids, Krebschemotherapie) ein Risiko darstellen kann (McPartland 2001).

Die Durchführung des Valsalva-Manövers kann für die Lunge schädlich sein und einen Pneumothorax verursachen. Das Valsalva-Manöver ist der Vorgang, bei dem nach tiefem Einatmen bei geschlossener Stimmritze die Luft im Brustkorb zusammengepresst wird, um die THC-Aufnahme zu vergrößern. Es ist nach dem italienischen Anatomen Antonio M. Valsalva (1666 – 1723) benannt. Wenn dabei Lungenbläschen an der Lungenoberfläche platzen, kann nach und nach immer mehr Luft aus dem Inneren der Lunge zwischen Lunge und innere Brustkorbwand gelangen, so dass die Lunge langsam zusammenfällt. Dies nennt man Pneumothorax (von griechisch “Pneuma” = Luft und “Thorax” = Brustraum) und wurde – allerdings sehr selten – bei Marihuanarauchern beobachtet. Ein Pneumothorax verursacht plötzliche Schmerzen im Brustkorb und Atemnot und muss im Krankenhaus behandelt werden.

Schadensreduzierung beim Rauchen

Die wichtigsten Strategien zur Reduzierung der Risiken des Cannabisrauchens sind:

Verwendung von Cannabis mit einem hohen THC-Gehalt
Die durchschnittliche THC-Konzentration in mehreren tausend Marihuanaproben, die 1997 in den USA konfisziert wurden, betrug 4,2 Prozent. Heute werden THC-reiche Sorten mit Gehalten von 10 bis 20 Prozent in den getrockneten Blüten gezüchtet, was die benötigte Menge bei der medizinischen Verwendung deutlich reduziert. Wenn eine Sorte mit einem THC-Gehalt von 10 Prozent verwendet wird, genügt ein Zug, um drei bis vier Milligramm THC aufzunehmen (siehe Tabelle 2). Für die medizinische Behandlung verschiedener Krankheiten werden meistens Dosen von fünf bis 50 Milligramm benötigt.

Verwendung von reinem Cannabis

Manchmal wird Cannabis zusammen mit Tabak oder anderen getrockneten Kräutern geraucht. Diese Praktik sollte vermieden werden, um die Inhalation von Verbrennungsprodukten zu verringern.

Verwendung von Pfeifen

Pfeifen sind Zigaretten in einigen Situationen überlegen. Sie erlauben die einfache Aufnahme kleiner Mengen hochprozentigen Cannabis. Die Teermenge wird durch Kondensierung an den Innenwänden der Pfeifen reduziert. Pfeifen sollten oft gereinigt werden. Wasserpfeifen sind Zigaretten unterlegen und sollten vermieden werden (siehe unten).

Verwendung von Cannabis, das frei von natürlichen Verunreinigungen und Verfälschungsmitteln ist

Nur krankheitsfreies Cannabis sollte geerntet und getrocknet werden. Starke Infektionen mit Krankheitserregern (zum Beispiel Schimmel) sind leicht erkennbar. Fünfminütiges Backen von Pflanzenmaterial in Öfen bei 150 Grad Celsius tötet Pilzsporen ab, ohne den THC-Gehalt zu reduzieren (McPartland 2001).

Verwendung von Inhalationsgeräten, die den Teerausstoß verringern
Dr. Dale Gieringer aus Kalifornien testete in seinem Labor Vaporizer beziehungsweise Verdampfer, die Marihuana auf 180 bis 190 Grad erhitzen, so dass das THC unterhalb des Verbrennungspunktes von Zellulose und anderem Pflanzenmaterial verdampft und inhaliert werden kann. Dadurch wurde die Bildung der polyzyklischen Kohlenwasserstoffe verringert. Der beste getestete Vaporizer lieferte 10 Teile Teer auf einen Teil THC, Cannabiszigaretten lieferten im Mittel ein Verhältnis von 13 zu 1 und Wasserpfeifen im Mittel von 27:1 (zitiert nach: McPartland 2001). Die Vaporizer reduzierten also die Teerproduktion, allerdings nicht in einem wünschenswerten Umfang, und Wasserpfeifen schnitten wesentlich schlechter als Zigaretten ab. Es sollten weitere Forschung durchgeführt werden, um die Ergebnisse bei den Inhalationsgeräten zu verbessern. Die Verwendung eines Filters in einer Cannabiszigarette ist nicht sinnvoll, da nicht nur der Teer, sondern auch die Cannabinoide herausgefiltert werden.

Vermeidung von Valsalva-Manöver und (sehr) langem Atemanhalten
Cannabiskonsumenten wenden verschiedene Techniken an, um die THC-Aufnahme über die Lungenschleimhaut zu verbessern, darunter das Valsalva-Manöver, bei dem die tief eingeatmete Luft im Brustkorb zusammengedrückt wird, und langes Atemanhalten. Zwei Studien haben untersucht, wie sich das Atemanhalten auf die aufgenommene THC-Menge auswirkt. Danach verstärkt ein langes Atemanhalten tatsächlich die THC-Effekte und bestätigt damit die Erfahrung von Cannabiskonsumenten, dass mehr THC aufgenommen wird.

Allerdings scheint sehr langes Atemanhalten die Absorption von THC nicht weiter zu vergrößern. So wurde in einer Studie an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore (USA) das Atemanhalten von 0, 10 und 20 Sekunden bei sieben Freiwilligen, die 10 Züge einer Marihuanazigarette mit 1,75 oder 3,55 Prozent THC-Gehalt nahmen, miteinander verglichen (siehe Abbildung 2). Die maximale THC-Konzentration im Blutplasma betrug 61, 147, and 131 Nanogramm pro Milliliter mit dem THC-reicheren Cannabis (Azorlosa et al. 1995). Während also die aufgenommene THC-Menge durch die Verlängerung des Atemanhaltens von 0 auf 10 Sekunden deutlich zunahm, gab es keine weitere Zunahme durch eine Verlängerung des Atemanhaltens von 10 auf 20 Sekunden. Sehr langes Atemanhalten könnte daher die Teerablagerungen vergrößern, ohne die THC-Aufnahme weiter zu verbessern.

Kombination von oraler Verwendung und Inhalation

Bei verschiedenen Krankheitszuständen könnte eine kombinierte Verwendung einer Basismedikation mit oralem Cannabis und einer Bedarfsmedikation mit inhaliertem Cannabis sinnvoll sein. Ein vergleichbares Vorgehen ist bei Opiaten üblich, um chronische Schmerzen und plötzlich einschießende Schmerzen zu behandeln.
Bei Anwendung dieser Maßnahmen wird der mit dem Rauchen von Cannabis verbundene mögliche Schaden im Allgemeinen auf ein tolerierbares Maß reduziert. Als Ärzte und Patienten sind wir daran gewöhnt, die Risiken und den Nutzen einer Behandlung abzuwägen. Die Inhalation einer begrenzten Menge an Verbrennungsprodukten beim Cannabisrauchen kann als akzeptabel betrachtet werden, wenn der Nutzen für den Patienten groß ist.

Im nächsten Heft:

Schadensreduzierung II – Minimierung möglicher Schäden beim Essen von Cannabisprodukten und alternative Arten der Einnahme.

Literatur

Azorlosa, J.L., Greenwald, M.K., Stitzer, M.L.: Marijuana smoking: effects of varying puff volume and breathhold duration. J Pharmacol Exp Ther 1995; 272(2): 560-9.

Brenneisen, R.: Psychotrope Drogen. II. Bestimmung der Cannabinoide in Cannabis sativa L. und in Cannabisprodukten mittels Hochdruckflüssigkeitschromatographie (HPLC). Pharm Acta Helv 1984; 59(9-10):247-59.

Grotenhermen, F.: Reduction of harms associated with inhalation and oral administration of cannabis and THC. J Cannabis Ther, 2001, submitted and accepted.

Lee, M. L., Novotny, M., Bartle, K.D.: Gas chromatography/mass spectrometric and nuclear magnetic resonance spectrometric studies of carcinogenic polynuclear aromatic hydrocarbons in tobacco and marijuana smoke condensates. Anal Chem 1976; 48(2): 405-16.

McPartland, J. M.: Verunreinigung und Verfälschung von Cannabis. In: Grotenhermen, F. (Hrsg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial. Bern/Göttingen/Toronto/Seattle, Huber 2001.

Tashkin, D. P., Gliederer, F., Rose, J., Chang, P., Hui, K.K., Yu, J.L., Wu, T.C.: Tar, CO and delta 9-THC delivery from the 1st and 2nd halves of a marijuana cigarette. Pharmacol Biochem Behav 1991; 40(3): 657-61.

Tashkin, D. P.: Respiratorische Risiken des Marihuanarauchens. In: Grotenhermen, F. (Hrsg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potenzial. Bern/Göttingen/Toronto/Seattle, Huber 2001.

Ungerleider, J. T., Andrysiak, T., Tashkin, D.P., Gale, R.P.: Contamination of marihuana cigarettes with pathogenic bacteria – possible source of infection in cancer patients. Cancer Treat Rep 1982; 66(3): 589-91.

Wu, T.C., Tashkin, D.P., Djahed, B., Rose, J.E.: Pulmonary hazards of smoking marijuana as compared with tobacco. N Engl J Med 1988; 318(6): 347-51.

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