Schadensreduzierung II

Schadensreduzierung II

Minimierung möglicher Schäden beim Essen von Cannabisprodukten und alternative Einnahmeformen

Die Inhalierung krebsfördernder Verbrennungsprodukte beim Rauchen von Cannabis wird im Allgemeinen als die größte gesundheitliche Gefahr im Zusammenhang mit der medizinischen Verwendung natürlicher Cannabisprodukte angesehen. Daher wird Cannabis von vielen Patienten gern oral (Essen, Trinken) aufgenommen. Die größte Gefahr bei der oralen Aufnahme besteht in einer versehentlichen Überdosierung, die jedoch meistens durch eine geeignete Vorgehensweise vermieden werden kann. In vielen Fällen kann eine Kombination aus oraler und inhalativer Aufnahme sinnvoll sein. Auch andere Formen der Einnahme (über die Haut, unter der Zunge, als Zäpfchen) wurden bereits erprobt und könnten sich in der Zukunft zu wichtigen alternativen Einnahmeformen in der medizinischen Cannabisanwendung entwickeln.

Die zwei wesentlichen Vorteile der oralen Aufnahme von Cannabis oder Dronabinol (THC) sind die Vermeidung der mit dem Rauchen verbundenen Schleimhautschädigung und – verglichen mit der Inhalation – eine längere und konstantere Wirkung, beispielsweise zur Verhinderung nächtlicher Spasmen bei Multipler Sklerose oder zur Reduzierung des Augeninnendrucks für einige Stunden. Ihre größten Nachteile sind der verzögerte Wirkungseintritt und eine mögliche Überdosierung, insbesondere bei Verwendung von Cannabiszubereitungen unbekannter THC-Konzentration.

Pharmakokinetik

Bei der oralen Aufnahme von Cannabisprodukten sind nur fünf bis zehn Prozent des THC an den Wirkorten im Körper, vor allem im Gehirn, (bio-)verfügbar. Diese Bioverfügbarkeit wird ungefähr verdoppelt, wenn THC mit etwas Fett (etwas Sahne im Marihuanatee, Butter im Haschischkeks) aufgenommen wird. Dann werden nahezu hundert Prozent des THC aus dem Darm aufgenommen. Allerdings fließt das Blut aus den oberen Darmabschnitten unmittelbar zur Leber, wo das THC zum größten Teil gleich wieder abgebaut wird, so dass nur zehn bis zwanzig Prozent bioverfügbar sind.
Da das THC nur langsam aus dem Darm aufgenommen wird, setzt die Wirkung im Vergleich zum Rauchen wesentlich langsamer ein, nach 30 bis 60 Minuten, eventuell auch erst nach ein bis zwei Stunden.

Risiken der oralen Aufnahme

Die Ansprechbarkeit für THC zeigt große Unterschiede zwischen verschiedenen Anwendern. Zehn Milligramm THC führen meistens nicht zu psychischen Veränderungen, aber bei einigen Personen können selbst fünf Milligramm, die als Placebo-Dosis angesehen werden können, zu deutlichen psychischen Effekten führen. Daneben variiert die THC-Aufnahme über den Darm, besonders wenn die Droge unter verschiedenen Bedingungen aufgenommen wird. Die Aufnahme über die Darmschleimhaut und der Abbau von THC im Magendarmtrakt können von verschiedenen Faktoren abhängen, inklusive dem Säuregehalt im Magen und der Füllung des Magens mit Nahrung.
Wegen des verzögerten Wirkungseintritts können orale Cannabiszubereitungen schwer zu dosieren sein, was in Überdosierungen mit unerwünschten Nebenwirkungen oder unzureichender, wirkungsloser Dosis resultieren kann, eine Beobachtung, die oft von Ärzten aus dem 19. Jahrhundert berichtet wurde (Fankhauser 2001).

Schadensreduzierung bei oraler Aufnahme

Zur Vermeidung von Überdosierungen und zur Dosisfindung bei oraler Verwendung sollten zwei Prinzipien befolgt werden:

  • Die beste individuelle Dosis sollte durch langsam ansteigende Dosen ermittelt werden.
  • Die Einnahme der Medikation sollte unter den gleichen Bedingungen erfolgen, besonders in Hinsicht auf die Beimischung von Fett beziehungsweise Öl.

Reicht die Dosis nicht aus, können eventuell zusätzliche Dosen durch Inhalation aufgenommen werden.

Wenn möglich, sollten langsam ansteigende Dosen verwendet werden, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden, vor allem unerwünschte Wirkungen auf das psychische Befinden und den Kreislauf. Einstiegsdosen sind zweimal 2,5 Milligramm oder zweimal 5 Milligramm THC am Tag. Diese Dosen können eventuell gesteigert werden auf mehrere Einheiten zu 10 Milligramm täglich.

Auch einige jüngere klinische Studien mit THC beziehungsweise Cannabis versuchen der individuellen Ansprechbarkeit von Cannabisprodukten gerecht zu werden, indem nicht mehr jedem Patienten über den gesamten Untersuchungszeitraum die gleiche Dosis verabreicht wird, sondern eine Möglichkeit zur individuellen Dosissteigerung besteht.

Wenn natürliche Cannabisprodukte mit unbekanntem THC-Gehalt oral verwendet werden, sollte mit 0,05 bis 0,1 Gramm der Droge begonnen werden. Bei Cannabis mit einem mittleren THC-Gehalt von fünf Prozent entspricht dies 2,5 bis 5 Milligramm THC (siehe Tabelle 2). Dann wird langsam bis zur wirksamen oder tolerierten Dosis gesteigert.

In Labors kann man eventuell den THC-Gehalt bestimmen lassen. Wenn das nicht möglich ist, sollte ein Vorrat angelegt werden (Lagerung im Kühlschrank oder Gefrierfach), der für einige Wochen ausreicht, so dass eine konstante Qualität gesichert ist. Nach einer Untersuchung zur Haltbarkeit von Cannabis nahm der THC-Gehalt in Marihuana innerhalb von 47 Wochen nur um sieben Prozent ab, wenn das Cannabis dunkel und trocken bei fünf Grad Celsius gelagert wurde (Fairbairn 1976). Bei einer Temperatur von 20 Grad Celsius nahm der THC-Gehalt um 13 Prozent ab.

Zur Erzielung reproduzierbarer Effekte sollte Cannabis immer unter den gleichen Bedingungen in Hinsicht auf die Nahrungsaufnahme eingenommen werden, zum Beispiel immer eine Stunde vor der Mahlzeit. Wenn natürliche Cannabiszubereitungen verwendet werden, sollten sie sorgfältig abgewogen und mit der gleichen Trägersubstanz verwendet werden, beispielsweise Tee mit getrockneten Cannabisblüten und einem gleichbleibenden fetthaltigen Zusatz wie Sahne oder Milch.

Gegen die Effekte von Cannabis auf die Psyche und den Kreislauf entwickelt sich innerhalb von einigen Tagen oder Wochen eine Toleranz, so dass manchmal pro Tag insgesamt mehr als 50 Milligramm THC eingenommen werden können, ohne dass relevante psychische Nebenwirkungen auftreten. So wie bei den Opiaten können bestimmte Nebenwirkungen nach einigen Tage abnehmen (wie zum Beispiel unangenehme Wirkungen auf Herz und Kreislauf), was die Verträglichkeit der Droge verbessert. Toleranz kann für eine relativ lange Zeit nach Beendigung der Einnahme bestehen bleiben (Wochen oder Monate). Toleranz kann auch in Hinsicht auf therapeutisch gewünschte Wirkungen eintreten und eine Dosissteigerung erfordern.

Behandlung einer versehentlichen Überdosierung

Eine versehentliche Überdosierung kann besonders bei oraler Verwendung durch unerfahrene Anwender auftreten.

Eine starke Zunahme der Herzfrequenz kann besonders bei Personen mit Herzerkrankungen unerwünscht sein. Hier helfen Betablocker, die in der Medizin zum Beispiel bei hohem Blutdruck verwendet werden. Sie normalisieren die Herzfrequenz, ohne die psychischen und einige andere Effekte von Cannabis zu beeinflussen (Perez-Reyes 1973). Bei Schwindelgefühl oder Ohnmacht sollte man sich hinlegen und die Beine hoch lagern.
Beim Auftreten von Angstgefühlen sollte man mit dem Betroffenen sprechen und ihn beruhigen. Man kann ihm auch ein Beruhigungsmittel geben.

Alternative Formen der Einnahme

Experimentell wurde eine Anzahl weiterer Formen der Einnahme verwendet, die die Zeit bis zum Wirkungseintritt im Vergleich zur oralen Einnahme verringern und zu einer zuverlässigeren Wirkung führen sollen.

Sublingual (über die Mundschleimhaut): In einigen klinischen Studien in Großbritannien wird ein flüssiger Cannabisextrakt verwendet, der unter die Zunge (sublingual) gegeben wird. Dabei werden die Cannabinoide direkt über die Mundschleimhaut in das Blut aufgenommen. In einer kleinen Pilotstudie hatten die britischen Forscher festgestellt, dass die Gabe unter die Zunge zu einer relativ schnell einsetzenden Wirkung führte.

Rektal (über den Enddarm): Es wurden bisher nur sehr wenige Studien mit rektalen THC-Zubereitungen (Zäpfchen) durchgeführt. Die beste Bioverfügbarkeit wurde erreicht, wenn THC zu THC-Hemisuccinat verbunden und in einem bestimmten Trägermaterial (Witepsol H15) verwendet wurde. Die Bioverfügbarkeit betrug in einer kleinen Studie mit spastischen Patienten etwa 50 Prozent (Brenneisen 1996).

Ich habe zudem von Selbstversuchen von Cannabiskonsumenten erfahren, die sich selbst natürliche Cannabiszubereitungen rektal verabreicht haben. So wurde zum Beispiel gemahlenes trockenes Marihuana eine Stunde lang in Kakaobutter gekocht. Nach dem Abkühlen wurden daraus Zäpfchen geformt. Der typische Cannabiseffekt sei innerhalb von etwa zehn Minuten spürbar gewesen. Zu diesen Selbstversuchen gibt es allerdings keine zuverlässigen Daten.

Transdermal (über die Haut): Im Januar 2000 erhielt eine Forschergruppe am Pharmakologischen Institut der Universität von Albany (USA) von der amerikanischen Krebsgesellschaft einen Forschungsauftrag über 750.000 DM zur Untersuchung der Frage, ob Cannabinoide wirksam über die Haut aufgenommen werden. Das Ziel der auf drei Jahre angelegten Forschung ist die Entwicklung eines Cannabinoidpflasters für die arzneiliche Anwendung.

Im letzten Jahr (5. September 2000) hat das Patentamt der USA ein Patent für ein “Cannabinoidpflaster und eine Methode für die transdermale Verabreichung von Cannabis” vergeben (United States Patent 6.113.940). Das Patent beschreibt einen Test mit zwei Personen, die 0,2 Gramm Cannabisöl in einer Trägersubstanz (DMSO) erhielten. Das Pflaster wurde an der Unterseite des Handgelenks angebracht. Die subjektiven THC-Effekte seien innerhalb von zehn Minuten aufgetreten und hätten vier bis sechs Stunden angehalten.

Prinzipien der Schadensreduzierung beim Cannabiskonsum

Natürliches Cannabis wird im Allgemeinen inhaliert. Allerdings wird diese Form der Anwendung auch dann gewählt, wenn die Vorteile gegenüber einer oralen Verwendung für die Erzielung eines optimalen therapeutischen Effektes nicht von großer Relevanz sind. In Fällen, wo die Inhalation die beste Möglichkeit zur Anwendung von Cannabis oder einzelner Cannabinoide ist, sollten Techniken verwendet werden, die die Schleimhautschädigung reduzieren. Die Schadensreduzierung kann folgende Strategien beinhalten:
Vermeidung der inhalativen Verwendung und Ersatz durch andere Applikationswege, wenn dies möglich ist, oder die Kombination verschiedener Wege.

  • Minimierung der Schädigung der Atemwege durch bestimmte Techniken, darunter die
  • Verwendung von Marihuana mit hohem THC-Gehalt, Inhalierung mittels Verdampfer, Vermeidung des Valsalvamanövers und extrem langen Atemanhaltens.
    Vermeidung einer versehentlichen Überdosierung durch sorgfältige Vorgehensweise bei oraler Verwendung.
  • Entwicklung und Verbesserung von Applikationsformen, die nicht die Nachteile des Rauchens oder der oralen Verwendung beinhalten, inklusive der rektalen, der sublingualen und der transdermalen Verwendung.
  • Zusammen erlauben diese Maximen die Reduzierung der Risiken im Zusammenhang mit den spezifischen Nachteilen der oralen und inhalativen Applikation bis auf ein akzeptables Maß.

Info

Ergänzung zum Artikel im letzten Heft (Schadensreduzierung I – Minimierung möglicher Schäden beim Rauchen von Cannabisprodukten) zum Thema Inhalatoren/Verdampfer
Zwischenzeitlich wurden erste Ergebnisse einer neuen amerikanischen Studie veröffentlicht (siehe: IACM-Informationen vom 20. Januar 2001). Danach wurden die beim Rauchen entstehenden giftigen Verbrennungsprodukte durch die Verwendung eines Inhalators deutlich reduziert. Der untersuchte Verdampfer setzte THC bei einer Temperatur von 185 Grad Celsius aus dem Marihuana frei. Die Gifte Benzol, Toluol und Naphtalin wurden vollständig eliminiert. Signifikante Benzol-Mengen wurden erst bei 200 Grad Celsius freigesetzt. Die Verbrennung des Pflanzenmaterials begann bei etwa 230 Grad Celsius. Auch die Teermenge wurde qualitativ reduziert, allerdings sind weitere Untersuchungen notwendig, um den Umfang des reduzierten Teers zu bestimmen.

Literatur

Fairbairn, J.W., Liebmann, J.A., Rowan, M.G.: The stability of cannabis and its preparations on storage. J Pharm Pharmacol 1976; 28(1): 1-7.

Fankhauser, M. Cannabis in der westlichen Medizin. In: Grotenhermen, F. (Hrsg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential. Bern/Göttingen/Toronto/Seattle, Huber 2001.

Grotenhermen, F.: Reduction of harms associated with inhalation and oral administration of cannabis and THC. J Cannabis Ther 2001, submitted and accepted.

Perez-Reyes, M., Lipton, M.A., Timmons, M.C., Wall, M.E., Brine, D.R., Davis, K.H.: Pharmacology of orally administered (-9-tetrahydrocannabinol. Clin Pharmacol Ther 1973; 14(1): 48-55.

Tashkin, D. P.: Respiratorische Risiken des Marihuanarauchens. In: Grotenhermen, F. (Hrsg.): Cannabis und Cannabinoide. Pharmakologie, Toxikologie und therapeutisches Potential. Bern/Göttingen/Toronto/Seattle, Huber 2001.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *